Mein
Unfall
Wie
alles begann
Der
17. Juli 2004 war eigentlich ein schöner Tag. Mein erster lang
ersehnter Ferientag. Ich hatte genug Zeit für mich und meinen
Friesenhengst Leo út de Polder. Mein damaliger Freund war auf einem
Wochenendseminar in einer anderen Stadt. Wie gewohnt spannte
ich Leo ein und wir fuhren in den Wald, wie wir es schon
unendlich viele Male vorher auch ohne Beifahrer getan hatten. Auf dem Nachhauseweg
kam mir spontan in den Sinn, zu einem Weg hinzufahren, der in
diesem hügeligen Wäldchen relativ neu gebaut worden ist. Dort
angekommen wendete ich die Kutsche, liess Leo oben stehen, stieg
ab und lief den neuen Weg hinunter. Der sah ja total spannend
aus und man konnte ein ganzes Stück inkl. Strasse umgehen. Die
kleine Treppe neben dem Weg störte mich überhaupt nicht. Ich
war mit der kleinen Marathonkutsche unterwegs, welche ja eine
ganz geringe Spurbreite hatte.
Das
Schicksal schlägt zu
Das Schicksal stellte mir die Frage: Rechts den neuen spannenden
Weg hinunter oder umkehren und links auf demselben Weg wieder
zurückfahren.
Die Neugier war grösser und ich fuhr rechts hinunter. Das war
eine schlechte Entscheidung. Dann ging alles ganz schnell.
Obwohl ich im Schneckentempo im abgekürzten Schritt den Weg
hinunterfuhr, merkte ich, dass ich trotz des Bremsens und genug
rechts Fahrens das linke Vorderrad auf die Treppenstufen
neben dem Weg kam und so wollte ich anhalten und
bremsen. Die Kutsche wurde instabil und ich rutschte mit dem Fuss vollkommen auf die
falsche der zwei Bremsen. Ich erwischte die Vorderradbremse. Dabei bockte
sich die Kutsche von hinten hoch und ich wurde zwischen Leo und
die Kutsche katapultiert. Ich hatte die Leinen verloren und
konnte Leo nicht weiter anhalten, stand jedoch aufrecht zwischen
Kutsche und Pferd. Fluchte kurz wie ein Rohrspatz, doch ich
konnte noch ein paar Schritte mitlaufen. Ich habe
ein kurzes Blackout zwischen dem Mitlaufen und dem
"Fliegen". Wegen dem Fluchen zog Leo wieder an und in diesem Augenblick
- so nehme ich an - musste mir die Kutsche in den Rücken geschlagen sein... Ich flog
auf jeden Fall rechts in die Bäume tief den Abhang
hinunter und blieb liegen. Der Flug war wie auf einer
weichen Wolke. Es
war schön und ich hatte keine Schmerzen. Endlich mal keine
Schmerzen mehr, nachdem ich schon seit 20 Jahren Kreuzschmerzen hatte! Ein schönes Gefühl.
Ich öffnete meine Augen und Leo war weg. Es herrschte absolute Stille
im Wald.
Alleine querschnittgelähmt im Wald
Da lag ich, im tiefen Wald in den warmen Blättern, mit dem Kopf bergab und
das Gesicht nach unten. Ich wollte mich
aufrappeln, doch mein Körper reagierte nicht. „Das kann doch
nicht wahr sein – ich
bin querschnittgelähmt“ schoss es mir durch den Kopf.
Ich bekam kaum Luft und dachte, jetzt muss ich sterben. Habe ich
innere Blutungen? Ich bin doch viel zu jung um zu sterben! Mit
38 Jahren hat man doch noch sein ganzes Leben vor sich. Ich
drehte meinen Kopf ganz vorsichtig nach rechts um nach meinem Körper
zu sehen. Da lag mein Bein und mein Fuss, ganz verdreht. Ich
fühlte mich in zwei Teilen! Ich
versuchte mich anzufassen und spürte nichts – absolut nichts!
„Ich habe mir meinen Rücken gebrochen“, schoss es mir durch
den Kopf.
Ich brauche Hilfe
Ich schrie nach Hilfe und hörte mich um. Nichts. Ich
hörte auch kein Hufgetrampel. Es war absolut still. Es war
niemand hier. Ich schrie und schrie und schrie: "Hilfe, ich
brauche einen Arzt - hallo, ist jemand hier?!" ... immer
wieder. Für die ganzen 5
Stunden war ich zu schwach dafür. Mir ging die Kraft weg. Aber
immer wieder versuchte ich es. Normalerweise wimmelt es im Wald von "Hündelern",
Joggern, Reitern, Bikern, Nordic Walkern, Kindern etc. Aber
heute war niemand hier. Ich dachte „ruhig bleiben – lieber
Gott lass mich von jemandem finden!“ Ich lauschte wieder und hörte
nichts, einfach nichts. Ich atmete schwer, versuchte ruhig,
gelassen und regelmässig tief durchzuatmen. Ich lag im
Blätterbett auf meinem Brustkorb und bekam kaum Luft –
lag ich im Sterben?
Schramme
Mir tat der Kopf oben weh, es brannte. Ich versuchte
meinen Kopf langsam zu ertasten um zu fühlen, ob ich noch mehr
verletzt bin. Meine Fingernägel waren voller Blut. Ich hatte
wohl eine Schramme abbekommen, oder gar ein Loch im Kopf? Wie
stark diese Verletzung war, wusste ich noch nicht. Überall
hatte ich Laub in meinen langen Haaren. Mein rechter Arm wurde immer
schwerer und ich konnte ihn immer weniger bewegen und er
schlief am Schluss ganz ein.
Was ist mit Leo?
Es waren sehr lange 5 Stunden und immer
wieder die bange Frage: Was ist mit meinem Leo geschehen? Ist er
verletzt? Ist er nach Hause gelaufen? Wir müssen entlang einer
sehr stark befahrenen Hauptstrasse nach Hause fahren. Das wäre
der Horror, wenn meinem schwarzen Liebling wegen mir was
passieren würde!
Ich werde gefunden
Es wurde langsam dunkel. Es begann zu tröpfeln, das Wetter
schlug um und es fing an zu
winden. Ein Gewitter
zog auf. Ich
wurde nass und ich fühlte mich kalt. Gibt es überhaupt
Menschen die mich vermissen? Mein Partner war ja nicht da. Doch
es gab Menschen die mich vermissten. Auf einmal die erlösende
Stimme von Albert, dem Stallbesitzer hinter mir: „Monika – hier liegt sie!“ Monika und
Albert haben Leo in ihrem Stall. Jetzt wird alles gut und der
Rettungswagen kommt, hiess es. „Leo ist sicher zu Hause und es geht ihm
gut“, wurde berichtet. Das war sehr erleichternd für mich.
Ich erfuhr, dass Leo zur "Rösslerkollegin" Maja
vorbeigelaufen war, welche ihr Haus genau an diesem Weg hatte. Wie
gut, dass sie Leo vor der Hauptstrasse aufhalten konnte. Zufällig war ein Gast bei
ihr zu Besuch, der gerade eine erste Kutschenfahrstunde mit
seinem Pferd gehabt
hatte und Leo gut nach hause fahren konnte (er ist ja auch ein
braves Pferd).
Seit 5 Stunden haben
mich meine Bekannten gesucht. Die Polizei wollte nicht, sie
wollten lieber nur die Personalien der suchenden Personen
aufnehmen. Aber Monika und Albert gaben nicht auf. Im
Ausschlussverfahren, von Bauernhof zu Bauernhof waren sie gefahren und
haben nachgefragt. "Habt ihr heute Petra gesehen mit ihrem
schwarzen Friesenhengst Leo?" Wir waren bekannt wie ein
bunter Hund wie man so schön sagt. Dank ihrer Hartnäckigkeit haben
sie mich gefunden! Aber
niemand hätte gedacht, dass ich so nahe lag; rund 100 Meter
von diesem besagten Haus von Maja entfernt. Meine Hilferufe wurden aber
vom Wald geschluckt.
Die Rettung
Durch das Gewitter und den Wind könnte kein Helikopter der Rega
fliegen hiess es. Endlich rückte das Rettungsteam an. Ich sah nichts, ich hörte
sie nur. Mir tat alles weh, ein Körperkrampf, besonders die
Halsmuskulatur brannte und die Schultern, weil ich mich vom
Blätterboden aufstützen musste, damit ich Luft bekam. Das
dreiköpfige Rettungsteam kam mit einer Trage, welche ich in
zwei Teilen in Erinnerung habe, die unter mir zusammengesteckt
werden musste. Sie versuchten diese Trage unter mich zu bringen.
Es wollte einfach nicht klappen. Ich lag mit dem Gesicht nach
unten im Laub. Die Retter konnten kaum richtig
stehen, so steil ist dieser Abhang, wo ich drin lag. Und diese
Trage wollte und wollte sich nicht zusammenstecken lassen. Der
eine Retter fluchte andauernd und machte einen blöden Spruch
wie: "...dann müssen wir Sie halt hier lassen,
wenn es nicht geht". Als Verletzter empfindet man solche
Sprüche nicht unbedingt lustig in dieser Situation. Es dauerte noch eine ganze
Weile, bis die Trage bereit war. Da ich auf dem Bauch lag und
ich durch die Schwerkraft auf der Trage mittlerweile nach unten gerutscht
bin. Meine Stirn lag genau auf dem Metall und schlug auf. Das war alles andere als
bequem. Einer fragte mich, brauchen sie eine Halskrause oder
nicht? Ich sagte nur, ich glaube, ich kann meinen Kopf noch
bewegen. Einer der Retter hätte dann den Hang hoch müssen und
eine feste Halskrause holen. Ich hatte keinen Halsschutz
bei der Rettung. Absolut fahrlässig! Da die Retter mich fast nicht den Berg
hochbrachten und ich war da noch einige Kilos schwerer, schlug
meine Stirn immer und immer wieder bei jedem Schritt schmerzend auf dem
kalten Metall auf. Ich hab
meine Retter gebeten, meinen Kopf doch bitte abzupolstern. Ich
versuchte das mit meinem linken Arm, der rechte ging ja nicht
mehr. Ich jammerte, weil ich so Schmerzen hatte durch die
Stirnschläge. "Wir sind bald
oben",
hiess es, ich soll mich nicht so anstellen. Ich dachte nur,
Hauptsache ich bin gerettet. Es ist mittlerweile dunkle Nacht geworden.
Im Rettungswagen
Die Rettungskräfte schoben mich in den angenehm warmen Raum des
Rettungswagens. Hier konnte ich mich endlich aufwärmen. Ich
bekam eine Spritze in den Arm mit der Bemerkung: "Die wird
Ihnen
gut tun und Ihre Schmerzen lindern". Der zweite
Rettungssanitäter im Raum telefonierte mit der
Notfallaufnahme: Reitunfall, das Pferd sei mit mir
durchgegangen. Da musste ich aber sofort heftig widersprechen.
Ich hab dann gesagt; "Das stimmt nicht, es war ein Kutschenunfall und
mein
Pferd ist nicht mit mir durchgegangen", und wollte gerade
versuchen mit den letzten Kräften zu erklären, was passiert
war. Er unterbrach mich schroff und laut. Er war stinkwütend
und motzte mich an: "Sind Sie jetzt ruhig, Sie können ja später
berichtigen was war. Seien Sie überhaupt froh, dass Sie
gerettet worden sind!" - Wort wörtlich! Ich dachte für mich:
Schrei Du ruhig, mir doch egal. Hauptsache, ich bin gerettet.
Alles wird gut. Trotzdem. So einen Blödsinn über mein armes
Pferd zu erzählen. Der Leo kann doch wirklich nichts dafür,
dass ich mich verbremst hatte. Ich dachte an Leo, wie es ihm
wohl gehen würde. Bestimmt ist er durcheinander. Maja, die
Bekannte, die Leo aufgehalten hatte, erzählte mir später mal, wie
sehr durchgeschwitzt er war, als er bei ihr ankam. Nach diesen
wenigen Metern? Klar, ich war den ganzen Nachmittag unterwegs,
aber Leo ist topfit und voll durchtrainiert. Das kannte ich nicht
an ihm! Was ist bloss passiert auf
dieser kurzen Strecke? Ist der arme Kerl statt dem neuen Weg
entlang durch das steile Bachbett und die andere Hangseite
hinauf zum bekannten Weg? Nur so kann ich mir das vorstellen.
Die Leinen sind am Boden lang geschliffen. Was nicht alles hätte
passieren können! Wenn die Leinen sich ins Kutschenrad verheddert
hätten,
hätte Leo jederzeit die Richtung geändert, wenn Zug drauf
gekommen wäre. Wenn er auf die
Hauptstrasse gekommen wäre? Wäre er in die Autos gelaufen? Leo hatte ja
überhaupt keine Angst, weder von Lastwagen noch vor fahrenden
Panzern. Bazenheid hatte früher eine sehr starkbefahrene
Hauptstrasse, vor dem Umbau der Schnellstrasse. Und überhaupt,
meine kleine Kutsche war kaum beschädigt, wie mir auch später
der Kutschenexperte bestätigt hatte.
Mit Blaulicht nach St. Gallen ins Kantonsspital
Mit dem Blaulicht ging es Richtung St. Gallen ins Kantonsspital.
Ich sah nur im Augenwinkel, dass der Arzt eine riesige Stoffschere
nahm und in Begriff war meine schöne Fahrschoss aufzuschneiden. "Nein stopp bitte!" bat ich. Die Schoss
hat hinten einen Klettverschluss. Als nächstes wollte er mir meine
Lieblingsjeansjacke vom Leib schneiden. Ich bat den Arzt mir
die Jeansjacke doch auszuziehen. Ich dachte in dem Moment nicht
daran, dass dies gefährlich für meine Gesundheit sein könnte.
Da ist der Choleriker wieder
voll ausgeflippt und wütete mit irgendwelchen Worten. Ich hab
gar nicht zugehört. Dachte immer meinen Satz: Mir doch egal.
Hauptsache, ich bin endlich gerettet worden. Die Medikamente
fingen an zu wirken. Ich bin dann im
warmen Rettungswagen eingeschlafen.
Ankunft in der Klinik St. Gallen
Die Anfahrt im Kantonsspital hatte ich gar nicht mitbekommen.
Schlafend wurde ich zuerst geröntgt, das Becken und die
Lendenwirbel. Kein Bruch!

Kurz kam ich aus dem Schlaf und realisiere, dass ich auf einer Trage durch einen Gang
geschoben wurde, mit der Bemerkung: "Wir bringen Sie
jetzt ins MRI". Ich kam
in einen Raum. Da hatte ich nur mitbekommen, dass eine Frau
ständig die Blätter hinter mir zusammengefegt, die ich aus
dem Wald mitgebracht hatte. Ich nickte immer wieder kurz weg.
Jemand kam und fragte mich, welche Personen über meinen Unfall
in Kenntnis gesetzt werden sollen. Ich war dermassen betäubt durch die Spritze, dass ich nicht mehr richtig sprechen konnte. Ich sollte die Telefon-Nummern
bekannt geben. Die
Zahlenreihenfolge verstand die Pflegefachfrau einfach nicht.
Auch nach mehreren Anläufen nicht. Ich "lallte" nur
noch. Sie war zu
ungeduldig und wiederholte ständig falsche Zahlen und was ich
korrigiert hatte. Was mich noch mehr durcheinander brachte. Dann brachte sie mir einen
Block, ich sollte es
aufschreiben. Doch auch hier konnte mein kryptisches Gekritzel niemand entziffern. Es dauerte eine ganze Weile bis
man wenigstens meine Eltern informieren konnte.

MRI
Dann wurde ich auf die Liege des MRI gelegt. Das MRI startete
und klopfte sehr laut. Ich war ohne Ohrenschutz und schlief
immer wieder ein. Ich wurde mit den Worten geweckt: "... wir können uns nicht erklären, woher ihr Querschnitt
kommt".
Ich musste dann wieder eingeschlafen sein. Nach einer Zeit wurde
ich erneut geweckt mit der Information: "Wir sind uns nicht
sicher, aber wir glauben, dass Sie im Hals einen
Rückenmarksschaden haben. Wir müssen die Stelle erneut
durchlaufen lassen". Mittlerweile war es weit nach
Mitternacht. Ob ich sonst noch untersucht worden bin, daran kann ich mich
nicht erinnern. Die Verletzung am Kopf und die Schramme am
Schienbein, die mir eine Narbe als Erinnerung hinterlässt, hab
ich erst später gefunden.
Die Operations-Botschaft
Ich wachte irgendwann in einem Bett auf der Station auf. Ich war
noch immer nicht operiert. Die Ärztin kam und
auch meine Eltern waren jetzt da. Im MRI wurde
festgestellt, dass ich zwar keinen Bruch der Wirbelsäule hatte,
jedoch eine Rückenmarkschwellung und im Hals oben
C6 eine totale
Kanalspinalverengung inkl. zwei uralten Bandscheibenvorfällen!
Die Oberärztin „Spezialistin für Rückenverletzungen“
konnte es kaum glauben, dass dies von meinen Ärzten seit Jahren
übersehen wurde, obwohl ich x-mal beim Arzt war und über
Nackenschmerzen
geklagt hatte. Es hiess nur, ich hätte wohl Verspannungen und
bekam Physiotherapien verschrieben, nie ein MRI. Das war wohl zu
teuer. Ich lief also seit Jahren mit dieser tickenden
Zeitbombe im Hals herum. Was für eine Vorstellung! Musste mein
Unfall passieren, damit dies endlich entdeckt wurde? Die
Oberärztin schlug eine schnellstmögliche Operation vor, damit das Rückenmark (Liquid) wieder „fliessen“ kann.
Sie meinte, wenn ich wieder je zum Laufen kommen würde, würde
sie Nottwil empfehlen. Ich stimmte dem zu. Die Operation erfolgte noch an diesem Sonntag. Aber je länger man
wartet, je schlechter für das Rückenmark hatte ich später in
Nottwil gelernt. Man müsste innert 3
Stunden operiert werden, was bei mir viel länger gedauert hatte,
dadurch, weil ich ja erst nach mind. 5 Stunden überhaupt im
Wald gefunden worden bin. Dann die lange Rettung und bis endlich die Untersuchungen
abgeschlossen waren. Bei einer solch zeitlich langen
Rückenmarksquetschung können sich die Nerven nicht mehr
erholen. Damals wusste ich das noch nicht.

Röntgenbilder
nach der Operation - der C6 ist jetzt ein Cage, 2004
Die Operation
Meine Mutter begleitete mich bis vor den Operationsraum. Sie hat
dann nur erzählt, was ich dem Arzt im Halbschlaf erklärt hatte,
dass ich
nur getestetes Blut nehmen würde.
Die Operation war äusserst kompliziert, denn ich wurde von vorne
am Halsansatz aufgeschnitten und das Team musste dann die
Speiseröhre, die Luftröhre, die vielen Blutgefässe etc. auf
die Seite schieben, damit sie an die Halswirbelsäule kamen. Der
zu enge Wirbelkörper, der C6 wurde komplett entfernt
und dafür
wurde ein Cage
eingesetzt. Fixiert wurde das ganze mit einer Platte, welche mit
je zwei Schrauben auf C5 und C7 angeschraubt worden sind.
Helikopterflug nach Nottwil
Mit der Ärztin wurde besprochen, dass ich nach der Operation
mit dem Helikopter der Rega quer durch die
halbe Schweiz nach Nottwil ins
Schweizer Paraplegikerzentrum (Kt. Luzern) geflogen werde. Auch
Wochen noch später, wenn ich in Nottwil einen Helikopter
heranfliegen hörte, liefen
mir die Tränen runter. Was für ein armer Kerl jetzt wohl auf
die Intensivstation geflogen wird? Ich hatte wohl ein Trauma
erlitten, denn mein Unterbewusstsein hatte sehr wohl
registriert, dass ich in einem Helikopter hergeflogen wurde. Die
Neugier kam erst später auf das Helikopterfliegen und jetzt
liebe ich es! Frank und ich fliegen 1-2x pro Jahr mit dem
Helikopter und ich könnte jetzt schon wieder jubeln vor lauter Vorfreude. Was für ein tolles Erlebnis! Diese Aussicht, diese
Action! Wir buchen jeweils einen Charterflug für eine Stunde. Der
Helikopter ist dann nur für uns. Wir bestimmen die Route. Und wenn
uns was gefällt, können wir eine Schlaufe fliegen lassen. Wir flogen
schon mehrmals auf Mallorca, auch auf Teneriffa oder in der
Schweiz. Der nächste Flug wird ein Alpenrundflug werden, sofern
das Wetter stimmt. 2014 mussten wir wegen dem Wetter unseren
Flug auf unbestimmte Zeit verschieben. Es ist wichtig, dass die
Sicht gut ist, gut genug um unsere Filme und Fotos zu machen.
Wir werden 2015 mit "unserem" Schweizer
Helikopter-Pilot fliegen.
Sein Flugstil gefällt uns. Und die Vorfreude ist ja auch was
wert!
Intensivstation
Nottwil, SPZ
Auf der Intensivstation in Nottwil, dem Schweizer
Paraplegikerzentrum
Ich wachte erst drei Tage später auf der Intensivstation wieder auf. Es war ganz schrecklich; überall piepsten Monitore
und ich bekam kaum Luft.
Auf der Intensivstation, das war die schrecklichste Zeit für mich. Ich konnte nur
noch den linken Arm bewegen, der rechte Arm reagierte nicht mehr
richtig.
Ich schaute an die Wand und sah eine gelbe Backsteinmauer. Ich
war sehr erschöpft. Ein Pfleger kam und schaute mich an und
fragte: "Wissen Sie, wo Sie sind?" - ich: "Ja, ich liege in Nottwil". Der Pfleger
bestätigte, dass ich auf der Intensivstation in Nottwil liegen würde.
Ich hatte das Gefühl, dass mir Sauerstoff fehlt. Ich bekam
einfach keine richtige Luft mehr trotz dem Sauerstoffschlauch,
die "Hörnchen", welche direkt in die Nase gingen. Damit ich den Pfleger rufen
konnte, bekam ich eine "elektronische Glocke". Der Pfleger
kam und mass den Sauerstoffgehalt im Blut nach. Mehrmals. "Sie haben 99%, das ist ein sehr guter
Wert", meinte er.
Er ging wieder und liess mich alleine. Ich stöhnte beim Atmen.
Dieser Ton ging einfach nicht weg. Ich bekam eine schroffe Instruktion, ich solle normal atmen.
Ich versuchte es, doch es machte weiterhin Geräusche. Das Stöhnen beim Atmen
ging
einfach nicht weg. Der Pfleger regte sich auf. "Wenn Sie nicht sofort normal atmen, dann haben
Sie bald Probleme mit den Stimmbändern".
Ich versuchte zu erklären, doch ich konnte nicht richtig sprechen, der Hals
tat weh,
vermutlich auch vom Tubus (Beatmungsschlauch), den ich ja die
ganzen Tage getragen hatte. Ich war zu schwach. Es kam ein Arzt und er stellte mir Fragen.
Ich war nicht fähig ihm die Fragen zu beantworten. Er verstand
nichts. Ich bekam einen Block und ich sollte die Antworten aufschreiben.
Doch ich konnte nicht mehr schreiben. Der Arzt konnte meine Antworten nicht
entziffern. Was ist das nur für ein schrecklicher Ort. Warum
waren die Menschen nicht nett zu mir. Ich bin doch in einer
Spezialklinik und trotzdem fehlte das Einfühlungsvermögen. Ich fühlte mich im falschen Film. Unverstanden. Alleingelassen.
Hiobsbotschaft - ich bin Tetraplegikerin
Irgendwann kamen meine Eltern. Ich konnte mittlerweile leise ein paar
Worte sprechen und erklärte ihnen: "Ich bin
querschnittgelähmt".
Meine Eltern verneinten. Meine Mutter sagte (ich höre sie noch
im
Ohr). "Das ist doch nicht wahr!". Sie fragten die Pflegekraft, die
gerade ins Zimmer kam: "Stimmt das, was unsere Tochter erzählt?
Das ist doch bestimmt nicht
wahr, dass sie querschnittgelähmt ist". Die Pflegekraft wich
der Frage geschickt aus, das müsse der Arzt erklären. Und dann
kam schon der Leiter der
Station ins Zimmer mit dem Leiter der Pflege. Meine Mutter fragte
sofort nach: "Herr Doktor, das ist doch bestimmt nicht wahr, dass unsere Tochter querschnittgelähmt
ist".
Der Arzt umschreib vorsichtig die Verdachtsdiagnose. "Man muss
zuerst noch viele Tests mit ihr machen, danach könne er mehr
sagen". Meine Mutter fiel an diesem Tag zweimal in Ohnmacht.
Besuch von einer Dame der Psychotherapie
Ich
war gerade erst seit kurzem wach und lag noch auf der
Intensivstation. Hatte gerade Besuch von meinen Eltern. Da bekam
ich bereits Besuch von einer Psychologin. Sie eröffnete das
Gespräch mit der Frage: „Wie fühlen Sie
sich in Ihrer neuen Situation?“ Ich konnte noch gar nicht
richtig sprechen. Und wenn, dann wäre ich noch gar nicht bereit
für ein Gespräch. Ich hab mich sehr verletzt gefühlt. Sie
ging dann auch gleich wieder.
Meine Tiere
Ein Thema, was mich sehr beschäftigt hatte, war die Versorgung
von meinen Tieren. Leo bekam einen Offenstall, durfte sich frei
bewegen. Es ging ihm sicher gut, ausser, dass er nicht
beritten/gefahren worden ist (oder doch?). Aber was war mit meinen anderen
Tieren, den Katzen und meinen Papageien? Ich wusste nicht wie gut
meine Tiere wirklich versorgt worden sind, da ich auf eine
Fremdperson angewiesen war. Und darüber möchte ich heute auch
nicht mehr nachdenken müssen, es würde mich verrückt machen.
Ich wusste es ja nicht. Ich wusste auch nicht zu welchem
Zeitpunkt meine damalige Nachbarin jeden Tag in mein
Haus rübergegangen ist um meine Tiere zu versorgen. Dies macht sie
auf jeden Fall jahrelang, bis ich Frank kennengelernt hatte und er die Versorgung meiner Tiere, die drei Katzen und
die zwei Papageien übernahm.
Den ersten Arzttermin in Nottwil
Ich kann mich noch gut an meinen ersten Arzttermin in Nottwil
erinnern. Der schlimmste Arzttermin, den ich je hatte. Ein
Pfleger fuhr mich im Bett zur Neurountersuchung rüber. Ich
fühlte mich sehr elend. Ich fragte leise den Pfleger:
"Muss ich jetzt sterben?" Statt, dass er mich
beruhigte meinte er nur: "Das kann man nie so genau sagen,
wenn jemand gehen muss, das würde man sehen". Ehrlich oder rücksichtslos? Ich
hätte lieber was Aufbauendes hören wollen in diesem Augenblick. Es
ging zur Neurountersuchung. Mit dieser Untersuchung kann mein
Querschnitt genauer bestimmt werden. Der Neurologe schloss mich mit
Elektroden an eine Maschine an und nach einem kurzen
"Achtung!" schossen auch schon Stromstösse durch meinen Körper. Ich
lag im Bett und musste alles über mich ergehen lassen. Ich
hätte mich in diesem Moment am liebsten gewehrt und konnte
nicht. Wie ein Forschungstier kam ich mir vor. Ich konnte mich nicht
dagegen wehren. Als nächsten Test kam er mit einer spitzen Nadel und
piekste nach System meinem ganzen Körper ab. "Wie fühlt sich das
an? Spitz oder
stumpf", war seine Frage. Da das Gefühl meistens stumpf war,
war das Ergebnis des Stromtests bestätigt. Ich bin
Tetraplegikerin C5/6 - vom Hals abwärts gelähmt!

Logopädie - der nächste schlimme Arzttermin
Der nächste schlimme Arzttermin war für mich in der
Logopädie. Man wollte wissen, wie mein Schluckreflex war. Man
führte also einen Schlauch von der Nase in den Rachenraum. Ich
jammerte vor Schmerzen. "Au-au-au, das tut mir weh!", mir
liefen die Tränen über die Wangen. Ganz erstaunt meinte die Ärztin, ich sei die erste Patientin, die sagen würde, dass
diese Untersuchung weh täte. Konnte ich mir in diesem Augenblick
absolut nicht vorstellen, dass dies stimmte. Es tat so weh und
brannte. Sicher habe ich empfindliche Nasenschleimhäute, weil
ich Nasenspray brauche und mir die Nase ohne immer wieder
zuschwillt. Als der Schlauch dann endlich platziert war, musste ich
Wasser trinken und ein Stück Brot essen und schlucken. Dann konnte man
auf dem Monitor sehen, dass mein Schluckreflex normal war und
für mich nicht gefährlich, wenn ich etwas esse. Damit war bestätigt,
dass ich wieder essen darf.
Von
der Intensivstation auf die normale Station
Verlegung auf die normale Station
Es war eine Erlösung, als ich auf die normale Station verlegt
wurde.
Alle waren sehr nett zur mir! Richtig herzlich. Ich hatte ein wunderschönes grosses
Zimmer bekommen. Zuerst waren wir noch zu Zweit, weil noch nicht
klar war, wie ich versichert war. Privat oder doch nur
Halbprivat?
Durch meinen Arbeitgeber war ich privatversichert, hatte also
den Anspruch auf ein eigenes Zimmer. Da ich eigentlich wegen der
Versicherungsfrage auf der
falschen Station eingecheckt worden bin, hätte ich in den
obersten Stock wechseln dürfen in ein noch grösseres Zimmer
mit noch besserer Aussicht auf den schönen Sempachersee. Das
oberste Stockwerk hab ich in einer späteren Reha kennengelernt. Doch ich mochte meine
vielen netten neuen Pflegekräfte. Es war ok für mich und ich
wollte nicht mehr wechseln. So blieb ich auf der Station D. Meine
Eltern kamen jeden Tag vorbei, obwohl sie weit über eine
Stunde Anfahrtsweg hatten.
Durst
Es ist fast unvorstellbar, was alles ist, wenn man nichts mehr
selbst machen kann. Da ich mich ganz am Anfang nicht selber
mitteilen konnte und auch die Klingel nicht bedienen konnte,
hatte ich fürchterlichen Durst. Die nette Frau im Zimmer
verstand was ich wollte und stand sogar in der Nacht auf und
flösste mir Wasser ein.
Ich bekam dann eine Schlagglocke, wo
ich nur mit der Hand darauf schlagen musste, um die Pflegekraft
zu rufen. Auch hat die Ergotherapie mir eine Vorrichtung
installiert, bei der ich wie durch einen grossen gebogenen Trinkhalm aus
einer Flasche trinken konnte. Ich konnte ja kein Glas mit der
Hand festhalten. Eine gute Idee, doch das Wasser
aus dem Schlauch schmeckte ganz fürchterlich nach Plastik!
Igitt-Igitt... Das hatte man bei der
Instruktion wohl nicht berücksichtigt.
Erste Physiotherapie
Es
kam zweimal am Tag ein sehr netter Physiotherapeut vorbei und bewegte meine Arme durch. Dies
war bereits schon auf der Intensivstation geschehen für wenige
Minuten. Selber war ich nicht in der Lage, meine Arme zu trainieren. Ich
musste wieder ganz von vorne anfangen. Auch lernen zu sitzen, trotz
der sehr starken Schmerzen im Schulterbereich, weil ich wohl
sehr stark meine Schultern geprellt hatte beim Auftreffen auf
den Waldboden.
Erstmobilisierung
Der Leiter der Station erklärte mir: "Wir werden morgen anfangen,
dich in den Rollstuhl zu
mobilisieren".
Es war soweit, zu dritt setzten sie mich im Bett auf. Mir tat alles
so weh und ich weinte. "Hört auf mit dieser Pudeldressur!" Mein Körper
war ganz lasch. Die drei Personen schafften es mich in den
Riesenrollstuhl mit Kopflehne rüberzusetzen. So ein Ding
bekamen alle Erstverletzten. Ich habe "die
Pudeldressur" als ganz
schlimm empfunden. Ich weinte weiter wegen den Schmerzen.
Ich müsse mindestens wenigstens 5 Minuten aushalten, hiess es.
Der Kreislauf muss trainiert werden. Man stellte mich auf den
schönen Balkon in den Schatten. Es war so schönes Wetter, mit einem herrlichen
Blick auf den Sempachersee ins Grüne. Ich hatte kein Auge dafür. Ich
konnte es nicht geniessen. Mir tat alles
so fest weh. Ich war froh, als ich wieder ins Bett gelegt wurde. Die
Pflegefachkräfte waren so lieb und versuchten, mich zu beruhigen
und mir Mut zu machen.
Die Sitzzeiten wurden immer ein paar Minuten verlängert. Ansonsten
trug ich einen
Soft-Halskragen, damit ich meinen Kopf nicht bewegte und meine Schrauben einheilen
konnten. Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich keinesfalls
meinen Kopf bewegen dürfte, damit die operierte Stelle
komplikationslos einheilen konnte.
In der ersten Zeit lag ich 24 Stunden im Bett auf dem
Rücken - mit Blick auf die Zimmerdecke. Ich hab vor meinem Unfall auch noch nie wirklich auf dem
Rücken liegen können. Meine Beine/Füsse wurden mit einer Art
Schale gelagert. Wegen meinem operierten Hals durfte ich nicht
auf der Seite liegen. Ich fragte mehrmals und es wurde
verneint.
Ich weiss nicht mehr in welcher Woche das
war. Aber es war eine sehr grosse Erlösung, als endlich
meinem Wunsch entsprochen worden ist, dass ich auf der Seite
liegen durfte.
Der Heilprozess
lief wunderbar. Nach ungefähr 7 Wochen
"den Kopf nicht bewegen" durfte ich anfangen mit kleinsten
Bewegungen und ohne den Halskragen tragen zu müssen.
Ich schaffe das!
Ein Rollstuhlfahrer fuhr aktiv auf dem Rundbalkon bei meinem
grossen Fenster vorbei. "Schau Petra, wie fit dieser
Rollstuhlfahrer geworden ist. Bald kannst Du das auch. Da bin
ich mir sicher. Du schaffst das. Bald fährst Du selber mit
Deinem Rollstuhl" meinte eine Pflegefachkraft ganz lieb. Ich konnte es mir
in den ersten Sekunden noch nicht so richtig vorstellen, doch es
machte mir unglaublich viel Mut für den Moment. "Doch, ich will
das auch - ich schaffe das!" Von dem Augenblick an entwickelte
ich unglaublich viel Biss für die ganze Reha-Zeit. Ich wurde
zum Wunder der ganzen Station, mein Motto war: Jeden Tag ein
neuer Rekord! Es war so toll, dass die Pflegefachkräfte
sich so sehr für mich interessierten und immer wissen wollten, was ich heute
alles gemacht und geschafft hatte. Auch der Leiter der Station, Jan, meinte,
ich sei sein ganzer Stolz der Station. Das gab mir viel Kraft zu
kämpfen um immer mehr zu erreichen.
Atemtraining
Mir fehlte die Kraft um durchzuatmen (bis heute!). Die Lunge musste wieder aufgebaut werden. Ich
musste jeden Tag mit einem
Atemtrainingsgerät arbeiten um meine Lungen wieder zu stärken.
Zuerst mit einem riesigen Gerät, welches von der Pflegekraft
ins Zimmer gerollt wurde und ich nicht alleine bedienen konnte. Und
später mit dem handlichen Voldyne, der auf meinem
Krankentisch Platz hatte.
Therapien für die Hände
Ich musste wieder lernen mit den Händen zu greifen.
Rechts ging gar nichts mehr. Da ich links geschickt bin, konnte ich bald vieles mit Links machen im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich musste auch mit Links essen. Das ging ja noch, da ich aber
dazu liegen musste, wegen meiner Halsoperation, bekam ich ein Tablett
mit dahinter einem Spiegel, wo ich das Essen darauf sehen konnte. Ich
musste also lernen spiegelverkehrt die Speisen
aufzuspiessen. Die ersten Tage war noch eine nette ältere Frau
auf meinem Zimmer auf der Station, weil kein Einzelzimmer frei
war als ich kam. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht mir das
Essen einzugeben ("zu füttern"), weil ich nicht selber essen konnte. Es machte ihr Spass, sie
hatte eine Aufgabe bekommen. Und ich war dankbar dafür. Als die
Dame nach ein paar Tagen in eine andere Reha verlegt worden ist,
war ich auf mich gestellt. Eine Reha ist hart. Es hiess: "Wenn Du
Hunger hast, wirst Du lernen zu essen". Ich: "...dann landet
doch das Essen ins Bett". Egal, meinten die Pflegekräfte,
dann werden wir Dein Bett neu beziehen. Sie gingen und liessen
mich alleine. Türe zu. Da lag ich also. Das Kopfteil durfte ich
nur sehr wenig hoch machen. Ich hatte Hunger und ich versuchte mich
also mit dem spiegelverkehrten Essen. Natürlich wie vermutet
landete so einiges in meinem Bett. Man konnte genau das Menu
erkennen, was es gab. Wie versprochen bekam ich das Bett neu
bezogen. Aber jeden Tag ging es
besser. Und auch mein rechter Arm. Ich hatte viel Ergotherapien
und langsam konnte ich wieder meine rechte Hand beherrschen.
Dennoch, meine drei Finger; Kleiner Finger, Ring- und Mittelfinger
bleiben mit verminderter Sensibilität und Geschicklichkeit der
Hand. Sie fühlen sich etwas schlafend an bis heute. Mein Arbeitgeber unterstützte mich sehr, indem ich sogar einen
eigenen PC auf mein Zimmer bekam. Ich kann mich noch gut an
mein erstes Mail erinnern, welches ich noch im Raum der
Ergotherapie schrieb
(da konnte ich froh sein, wenn der PC gerade frei wurde). Ich hatte einen Blumenstrauss
bekommen und ich wollte mich dafür bedanken. Nur ein paar
Sätze schreiben. Es ging eine Ewigkeit, meine Finger wollten nicht gehorchen
und
ich war den Tränen nah und vollens erschöpft, bis ich fertig
geworden bin. Aber jeden Tag war ich an meinem Mailaccount gesessen und
hatte die vielen netten Mails beantwortet. Das von meinem Unfall
sickerte durch die Friesenszene und ich bekam die ersten
besorgten eMails von Fans,
welche mich baten "bitte-bitte" mit meiner bekannten Website, der
"Friesenlovecoach"
weiterzufahren. Natürlich wollte ich das auch. "Ihr müsst alle
Geduld haben". Die Friesenlovecoach fiel fast für ein ganzes Jahr aus.
Hauptsache, ich konnte mailen.
Mein Arbeitgeber
Ich schrieb Zusammenfassungen meiner Reha-Erfolge an
meinen Arbeitgeber. Echt schade, hab ich diese nicht behalten. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal ein "eBook"
schreiben würde. Meine Chefs und Mitarbeiter interessierten
sich sehr, was ich bis
jetzt für "Rekorde" gemacht habe. Der Geschäftsleiter verschickte
meine eMails an alle 200 Mitarbeiter weiter. Ich hab dann später, als
ich wieder arbeitete seine ersten eMails an die Mitarbeiter zu
lesen bekommen. Mir kamen die Tränen vor Rührung. Die grosse
Sorge um mich die mein Chef hatte, als er erfahren hatte, dass ich
bei meinem Hobby verunfallt bin. Er noch nichts genaueres wisse
und sofort informieren würde, sobald er Weiteres in Erfahrung
bringen würde.
Unsere ganzen IT-Abteilungen waren sehr sensibilisiert, weil
ungefähr 8 Monate zuvor ein Arbeitskollege ebenfalls schwer
verunfallt war. Ausgerechnet kurz vor Weihnachten 2003. Im Nebel kam ihm
ein Falschfahrer entgegen und knallte frontal in sein Auto rein.
Er fiel ins Wachkomma und ist bis heute ein Pflegefall. Er liegt
zeitlebens in einer Klinik. Er hinterlässt eine junge Frau und
zwei kleine Kinder.
Patientenpost
Um so mehr Freude machte ich allen, dass ich um meine
Fortschritte so kämpfte. Es ist unglaublich rührend, wie viele
eMails ich bekommen hatte. Damals hatte ich jeden Tag eine Beige
ausgedruckter Patientenpost bekommen. Ich hatte am Schluss der
Reha einen dicken Ordner voller gesammelten Mails zusammen.
Diese Resonanz gab mir ebenfalls viel Schub meine Ziele zu
erreichen. Ich wollte unbedingt zeigen, dass ich es schaffe und
freute mich schon auf meinen Arbeitsplatz.
Meine erste Dusche
Ich lag im Bett und fühlte mich sehr schmutzig. Ich verlor sehr
viele Haare durch die Blutverdünnerspritze. Alles ist verklebt. Seit
meinem Unfall wurde ich nur mit einem Waschlappen im Bett
gewaschen. Ich müsste Geduld haben hiess es. Ich dürfte meinen
Kopf noch nicht bewegen. Es sei zu gefährlich mit meiner
frischoperierten Halswirbelsäule. Ja, das verstand ich. Auf keinen Fall
durfte meinem Hals etwas passieren.
Und dann kam der Tag, wo es hiess: "Petra, heute darfst Du
endlich duschen!" Es wurde eine Art blaues Plastikbett ins Zimmer
gerollt, welches wie ein Swimmingpool aussah. Mehrere Personen
schoben meinen Körper auf diese Liege. Und dann ging es endlich
ins Badezimmer. Meine erste warme Dusche. Ach ist Wasser
herrlich! Ich hätte weinen können vor Freude! Noch nie im
Leben hab ich eine Dusche so sehr genossen wie diese hier. Das
kann sich keiner vorstellen, der nicht schon selber so lange in
einer Klinik liegen musste. "Ist das schön?" wurde
ich gefragt. "Herrlich!". Liebevoll wurde ich von oben
bis unten gewaschen und meine Haare eingeseift und wieder sanft
ausgeduscht. Ich konnte nicht genug bekommen. Endlich durfte ich
mich sauber fühlen. Endlich nicht mehr das Gefühl haben, dass
ich den halben Wald mit ins Bett gebracht hatte. Endlich würde
ich wieder normal gekämmt werden können. Endlich auch
das verkrustete Blut aus den Haaren wegwaschen können. Fehlt
nur noch der Coiffeurtermin. Oft genug
haben meine Pflegekräfte mir die Fingernägel auskratzen
müssen, weil ich mich wieder am Kopf kratzen musste und dadurch
Blutkrusten unter die Fingernägel gekommen sind. Als die Dusche
fertig war, hatte eine weitere Pflegekraft mir wieder das Bett
frisch gemacht. In der Zwischenzeit war meine Schramme am Kopf
wieder gut verheilt.
Mein erster Besuch
Am Anfang fehlte mir die Kraft für eine vernünftige
Kommunikation. Vor allem haben es die Leute nett gemeint und
haben angerufen und wollten wissen, wie es mir geht. Ich konnte
am Anfang keine zwei Sätze sprechen, dann wurde es leise und nach wenigen
Sekunden hab
ich nur noch geflüstert und war völlig erschöpft. Ich hab den Wunsch geäussert, dass
ich jetzt am Anfang nur Besuch von der engsten Familie wollte.
Mein erster externer Besuch war meine damalige Freundin (auch
Friesenbesitzerin). Sie hat mir die Hand gehalten und gesehen,
wie kraftlos ich bin. Das gab ihr einen grossen Schock, so dass
sie nach einer Viertelstunde bereits wieder gegangen ist. Sie hat später erzählt, dass
sie erst einmal weinen musste. Sie empfand das sehr schlimm mich so
zu sehen. Vor kurzem waren wir noch zusammen mit unseren
Friesenpferden über die Wiesen um
die Wette galoppiert...
Ich lerne immer mehr über den
Querschnitt kennen
Katheterisieren
Ich lernte immer mehr über mich und den Querschnitt kennen.
Eines meiner Schlüsselerlebnisse war, als ich Nachts einen
"wilden Traum" hatte. Als ich erwachte sind zwei
Pflegefachfrauen an mir "unten" beschäftigt mich zu katheterisieren.
Als sie realisierten, dass ich wach geworden bin, sagten sie
nur: "Schlaf ruhig weiter, wir wollten Dich nicht
wecken". Ich bin mir vergewaltigt vorgekommen. Ich weiss
nicht mehr in welcher Woche das war, ganz am Anfang auf jeden
Fall, aber ich meinte, ich
möchte nicht mehr katheterisiert werden, sie sollen doch so lieb
sein und mich auf die Toilette setzen, das ginge dann schon. Mir
wurde dann erklärt, dass ich nie mehr selber "pieseln"
könnte bedingt durch den Querschnitt. Das sei so. Ich hätte
keine Kontrolle mehr über den Schliessmuskel.
Die beiden Pflegefachfrauen erklärten mir, dass ich das
Katheterisieren selber erlernen würde und müsste das selber
machen. Ich glaubte zuerst, sie würden einen Witz machen.
Die Schulung war sehr streng, man musste lernen absolut
steril zu arbeiten. Damals hatte Nottwil so ganze fertige
Päckli steril abgepackt. Wichtig war die Reihenfolge
einzuhalten.
Lernvideos findet ihr unter der Firma Lofric; Katheterisierung
Anleitung.
In ein paar Monaten, ich war da schon selbständig, hatte ich
die Situation, dass ich mich auf die Toilette gesetzt hatte und
tatsächlich laufen lassen konnte mit viel Konzentration. Ich freute mich über den
"Fortschritt", doch ich bekam die nüchterne Erklärung, dass dies nur
Inkontinenz sei. Ich musste mich damals täglich spätestens
alle 4 Stunden katheterisieren, sogar in der Nacht weckte mich
meine Blase. Damals hab ich
noch meine Blase gespürt.
Darm
Im Querschnitt hat man auch keine Kontrolle mehr über den Darm.
Alle zwei Tage hatte ich ein Zäpfchen und nach ein paar Minuten
den Topf unter den Popo geschoben bekommen. Und das liegend im
Bett. Später wurde ich auf den Duschrollstuhl rüber gesetzt,
der eine Öffnung in dem Sitz hat und unten drunter einen Topf. Da ich ein
eigenes Zimmer hatte, konnte ich dabei aus dem Fenster schauen
und mich ablenken. In der ersten Zeit blieb immer eine
Pflegefachkraft bei mir, da oft der Kreislauf versagte. Ich kann
mich noch gut an meinen Lieblingspfleger Ingo erinnern. War er
um mich, fühlte ich mich sicher, geborgen und beschützt. Er
hatte Kraft! Die doppelte Portion, wenn auch noch Jens, der
Leiter der Station da war. Am Anfang waren sie immer zu Zweit, um
mich vom Bett in den Rollstuhl/Duschrollstuhl umzusetzen und
zurück. Transfer heisst das Fachwort dazu. Mein Kreislauf macht
mir noch heute ab und zu einen Strich durch die Rechnung. Damals
hat mir Ingo noch erklärt, dass es sogar Patienten gibt, welche
dabei in Ohnmacht fallen. Und kaum hatte er mir das erklärt... Schwupps
und weg war ich. Ich hörte nur noch "Petra, hallo
Petra", es pfiff und hämmerte in meinen Ohren, die Stimmen hörte ich
weit weg, als würde mir jemand die Ohren zuhalten. Und sehen konnte ich auch nichts mehr. Alles war weiss
um mich. "Petra, hallo Petra, ach jetzt ist sie wieder
da". Ingo hatte den Duschrollstuhl gekippt und Jens war bei
meinen Beinen. Ich wurde gekippt ans offene Fenster gefahren und
bekam Wasser zu trinken. Es war das erste Mal, dass ich in
Ohnmacht gefallen bin.
Vom Duschrollstuhl gefallen
Ein unschönes Erlebnis beim Abführen (Fachwort, gemeint ist
der Stuhlgang) hatte ich, als das erste Mal nur
eine ältere Pflegefachkraft für mich eingeteilt
war und sie meinte: "Wir schaffen das schon alleine. Wir brauchte keine
zweite Hilfe!" Sie rollte selbstbewusst den Duschrollstuhl auf die linke Seite
des Bettes. Ich erklärte ihr: "Ich hab noch nie einen
Transfer von der linken Seite des Bettes gemacht". Ich sagte
ihr noch, ich hätte Bedenken und ich möchte gerne bitte eine zweite
Person dazu. Die Pflegekraft meinte einfach forsch: "Doch doch, das schaffen wir
schon". Kurz: Der Transfer stockte und sie
zerrte dabei an meinem stützenden Arm. Ich verlor
logischerweise meine ganze Stabilität und fiel sofort nach
vorne und knallte auch schon auf den Boden. So schnell konnte sie gar nicht
gucken. Dann wurde es sehr peinlich, das Zäpfchen wirkte aktiv
und machte seine "Arbeit". Die Pflegekraft war auch erschrocken, dass ich vom
Duschrollstuhl gefallen bin und löste aufgeregt den Alarm aus.
Auf einmal rannte die ganze Station zusammen und mindestens 6
Pflegefachkräfte standen in meinem Zimmer. Ich war verzweifelt
und schämte mich. Halbnackt und ausgestellt. Sie warteten,
bis der Darm fertig war. Die peinlichsten Minuten meines Lebens!
Ingo war da und hob mich mit einer zweiten Person in den
Duschrollstuhl zurück. Eine andere Person wischte am Boden
zusammen und die Pflegekraft, welche mich fallen liess,
streichelte die ganze Zeit meinen Arm. Wo ist das Mausloch, wo
ich mich verkriechen konnte? Ich hatte dann Jan, dem
Stationsleiter gesagt, dass ich
nicht mehr von dieser Person gepflegt werden möchte. Ich erfuhr
dann, dass ich nicht die einzige Patientin war, die diese
Pflegerin
nicht mehr haben wollten.
Spastik
Wie bei den meisten Querschnittpatienten entwickelte sich auch
bei mir die
Spastik. Dies sind ungewollte Bewegungen in den Beinen. Die
Muskeln spannen sich auf einmal an und zucken dann schmerzhaft. Diese Entladungen
sind bei mir extrem
schmerzhaft und machen mir mein Leben zur Hölle bis zu dem
Jahr, wo ich eine Liorésalpumpe bekommen hatte. Dann besserte
es. Die Spastiken
sind eine Art "Gewitterblitze", welche im
Körper stattfinden. Der Körper möchte sich nicht damit
abfinden, dass er nicht mehr bewegt wird. Bei mir entwickelte diese eine besonders heftige
Art. Ich hatte die sogenannte "Streck- und Beugespastik".
Ich trat richtig um mich und musste schauen, dass ich niemand traf. Das
linke Bein streckte sich und das rechte Bein hatte sich angezogen.
Spastik übersteuert jede gute
Bewegung. Damit
war kein vernünftiges Training mehr möglich.
Als die Spastik in den Beinen nach ein paar Wochen angefangen hatten auch auf die Hände zu gehen,
hatte ich dies meiner Physiotherapeutin gesagt. Aber mit ihrer
Antwort hatte ich nicht gerechnet. "Nein, Petra, das hast Du nicht". Ich
sagte dann nur: "Wenn Du meinst...". Es war mir einfach zu
blöde zum Erklären. Wenn sie aufmerksamer gewesen wäre, hätte sie es
gesehen. Die Spastik war nicht immer gleich stark. Manchmal schoss
sie eben in meine Arme und die Unterarme klappten sofort nach oben und die
Hände falteten sich zusammen und gleichzeitig nach unten! Ich sagte dem; "wie eine Gottesanbeterin".
Das ist ein Insekt, sie heisst auch Fangschrecke. Schaut Euch
Fotos im Internet an von diesem Raubinsekt. So wie die
Gottesanbeterin ihre Fangarme trägt, so sahen auch meine Arme
aus, wenn die Spastik stark eingeschossen ist.
Mit den Jahren verstärkte sich das allerdings immer mehr. Bis
Ende 2009 konnte ich die Spastiken und Schmerzen einfach nicht
mehr ertragen. Ich war nur noch fix
und fertig. Auch Frank wusste mir nicht mehr zu helfen. Bei mir zuckten
Blitze schlussendlich 24 Stunden lang! Alle paar Sekunden ein
Einschlag. Schlafen? Unmöglich. Seit damals bin ich deshalb
leider Schlaftabletten-abhängig.
Meine
Spastik hatte sich so
stark entwickelt, dass ich im Februar 2010 testhalber die "Externe
Liorésal-Pumpe" für 6 Tage bekommen habe und definitiv im April 2010 die
Muskelrelaxanspumpe, mit einem dünnen Katheterschlauch ins Rückenmark
verbunden, einbauen lassen musste. Es
dauerte über ein Jahr, bis die erste Dosis endlich gefunden
worden ist. Diese Pumpe gibt mir enorm viel Lebensqualität
zurück (siehe dazu die passenden Blogs anfangs 2010 bis heute).
Da ich die Pumpe wegen meiner Rückenoperation 2011 sehr hoch
eingestellt werden musste, damit die Wirbelkörper endlich in
Ruhe einwachsen konnten, hatte ich dafür
lahme Arme und konnte auch immer weniger lange sitzen. Die
Rückenmuskeln waren ausser Kraft gesetzt worden. Endlich konnte
ich diesen Zustand, nach dem OK vom September 2014, dass meine
Rückenwirbel nun "durchknöchert" sind, wieder
verbessern. Die Medikamentendosis konnte auf fast 2/3 weniger
reduziert werden. Das heisst, jetzt habe ich nur noch einen
Drittel und meine Kraft ist zum Teil zurückgekommen. Die
Reduzierung hat auch wieder fast ein Jahr gedauert von Mai 2014
bis März 2015. Aber es gibt nicht nur Vorteile mit der
Reduzierung. Das Liorésal ist auch leicht schmerzlindernd. Da
ich nun weniger Dosis hatte, ist der Schmerzpegel nach oben
geschnellt.
Strenge Erst-Reha - ich habe Heimweh
Irgendwann hab ich eine meiner Pflegekräfte gefragt, ob ich
nach 5 Monaten an
Weihnachten 2004 nach hause dürfte.
Mir wurde dann einfach gesagt: "Gute Frau, Du bist Tetraplegikerin, die gehen frühestens nach
9 Monaten bei uns nach
hause. Bei Dir ist der Austrittstermin 19. April 2005 in der
Krankenakte eingetragen". Es war so um den September/Oktober 2004
rum, als ich die Pflegekraft fragte. Ich war so
schockiert über diese Nachricht, ich musste dann erst mal
weinen und dies verkraften. Meine armen Tiere! Musste ich sie
solange alleine lassen! Doch ich verstand es, ich ja musste
für den Alltag zu hause wieder fit werden. Musste alles so erlernen,
dass ich zuhause alleine leben konnte. Auch hatte ich
das grosse Ziel wieder selber Autofahren zu können und auch an
meinen alten Arbeitsplatz zurückzukehren.
Ich liebte meinen Beruf. Ich war damals IT-Assistant
(Direktionssekretärin hiess das mal). Ich wusste, da kommt noch Grosses auf
mich zu.
Berufsberatung/Sozialdienst
Nach ein paar Monaten hatte mich die Berufsberatung Nottwil zu
einem Termin eingeladen. Er wollte wissen, wie es mit mir weiter
geht, wenn ich nächstes Jahr im April entlassen werden würde.
Freudig konnte ich mitteilen, dass ich wieder zu meinem alten
Arbeitgeber zurückkehren darf, zu der AXA Winterthur
in die IT-Abteilung. Ich war Sekretärin. Auf dem
Organigramm hiessen wir "IT-Assistant". Ich liebte
meinen Büroberuf und ich wusste, dass man sich schon auf mich
freut. Das ist nicht selbstverständlich. Die meisten können
nicht in ihren Beruf zurückkehren und müssen sich einen neuen
Aufgabenbereich suchen. Im Büro, z.Bsp. viele in einem Callcenter, so
der Berater. Durch Nottwil wurde ich sehr gut begleitet. Es ist
schön, dass versucht wird für die Behinderten einen neuen Arbeitsplatz zu
finden und eine passende Aufgabe, wenn er nicht mehr an die alte
Arbeitsstelle zurückkehren kann. Der Berater, selber im
Rollstuhl, erklärte mir, dass es ein Arbeitsversuch ist mit
Beginn 20%. Ich stellte mir mehr Prozente vor, was ich aber
leider nie erreicht hatte.
Auch im Sozialdienst hatten sie meine finanzielle Seite abgeklärt.
Nach und nach habe ich dann glücklicherweise erfahren dürfen,
dass ich bestens versichert war. Mit 20% Einkommen wäre ich
ohne meine Versicherung nicht
mehr durchgekommen.
Physio- und Sporttherapien / Ergotherapien
Zu meiner 9-monatigen extrem strengen Reha in Nottwil
Copyright
Archiv Friesenlovecoach 2004
Hier
bin ich noch einige Kilos schwerer...
Der
Mensch (und jedes Lebewesen) ist ein unglaublich kompliziertes
Wunderwerk der Natur. Umso unverständlicher ist es, wie sorglos
manche Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen. Manche wissen
nicht, wie gut es ihnen geht, können sich über viele
Kleinigkeiten aufregen und sich das Leben unnötig schwer
machen.
Mein
erster Sturz im Rollstuhl
In der Ergotherapie durften wir leihweise diverse Aktivrollstühle,
die verschiedensten Marken und Modelle probeweise fahren. Nottwil hat
ein ganzes Lager voller solcher Rollstühle. Weil jeder Patient
ein anderes Gefühl für seinen Rollstuhl hat, durften
wir viele Probesitzen. Ich hab mich
ziemlich schnell im Meyra X2, einen Faltrollstuhl,
wohlgefühlt. Mit ihm hatte ich ein super Gefühl beim Fahren, konnte
schnell vorwärts kommen und auch die "Kurvenlage" und das
auf der Stelle drehen ging richtig gut mit dem Meyra X2. Einmal musste ich
"meinen X2-Probestuhl" (murrend) an einem anderen Patienten abgeben und ich
bekam ein anderes Modell. Der fuhr sich mega bockig und ich kam
kaum von der Stelle. Ich hab im Fahrtraining mit dem X2 gelernt auf
den grossen Treibrädern balancierend zu fahren. Ich wollte das
meinem Ergotherapeuten Thomi vorführen. Doch weil ich dieses
andere Modell fahren musste, landete ich prompt
auf meinem Hinterkopf. Das war mein erster Sturz mit einem Rollstuhl.
Physiotherapie
Die Physiotherapie fand zweimal jeden Tag, zuerst liegend in meinem Bett,
später in der Physiohalle, statt. Mich betreute
neben dem Physiotherapeuten
noch die damalige Stellvertretende Leiterin der Physiotherapie,
da ich Privatpatientin war.
Sie kamen regelmässig auf die Station und bewegten meinen
Körper durch. Das Ziel war, dass ich eines Tages selber in die
Physio ins Untergeschoss fahren konnte.
Zu den eher ersten Therapiestunden zählte, dass ich auch
wieder lernen musste mich anzuziehen. Damals ging das noch und
trotz der Spastiken hab ich es irgendwie geschafft.
Ich hab es auch bald geschafft ohne Hilfe zu der Physio ins
untere
Geschoss zu fahren. Dies gehörte zum täglichen
Fitnesstraining, denn zuhause muss ich auch wieder alleine klar
kommen.
Wochenplanung
Ich hatte jeden Tag immer mehr Therapien und auch jede Woche Arzttermine. Die Termine wurden
wöchentlich gesteigert, von ca. 10 Uhr bis 17 Uhr. Bis zu 40 Therapiestunden (30 Minuten eine Lektion)
in der Woche zierten meinen Terminkalender am Ende der
Reha.
Diese Fotos sind von den Reha's: Erstreha
von 2004 - ReReha
2006.
Copyright Archiv Friesenlovecoach 2006
Ich trainiere den Langsitz
Physiotherapie: Anforderungen steigerten sich
Die Physiotherapie hatte ich weiterhin 2x am Tage. Meist pro
Lektion 30
Minuten, später wurde es auf eine volle Stunde erweitert,
dafür nur einmal am Tag. Meine Beine wurden u.a. durchbewegt.
Und ich musste lernen mit der Spastik umzugehen. Am Anfang
musste ich mich nur auf die breite Bobathliege legen. Später
wurden dann die Lektionen erweitert. Ich musste versuchen mich auf die eigenen Beine zu setzen. Was für ein irres Gefühl,
wenn man sich nicht mehr richtig spürt. Erweitert wurde die Übung,
dass ich meinen Oberkörper auf einen Würfel legen musste.
Sogar den Vierfüsslerstand hab ich wieder erlernen müssen. Das
ist ein sehr komisches Gefühl sich auf allen Vieren auf die
Liege zu stellen und auszubalancieren. Sogar den Katzenbuckel
hab ich wieder gelernt. Damals war ich ja auch noch nicht an den
Lendenwirbeln operiert und trug auch noch keine
Muskelrelaxanspumpe, die sogenannte Liorésalpumpe (April 2010).
Physiotherapie:
Das Stehbett, das Bett, welches sich aufstellt
Eine der ersten Physiotherapielektionen war das Stehbett. Das
ist eine Physioliege, welche elektrisch in die fast senkrechte
Position gestellt werden kann. Die Physio hat mich gut
festgeschnallt vom Oberkörper bis zu den Füssen. Dann wurde
das Stehbett ganz langsam in einen immer höheren Winkel
gebracht. Es musste am Anfang auch gar nicht hoch sein. Es
genügte aber den Kreislauf zu aktivieren. Durch den Querschnitt
ist die Durchblutung deutlich reduziert. Auch das vegetative Nervensystem ist
gestört und das Gehirn bekommt zuwenig Blut und
dadurch zuwenig Sauerstoff. Zuerst wurde mir schwindelig und
dann sah ich nur noch weisse Flecken, violette Punkte und die Stimmen
gingen weg. Bis fast zur Ohnmacht, welche die Therapeuten
verhindern vermochten. Es war ein hartes Training bis ich etwas
senkrechter liegend stehen konnte. Es dauerte ein paar Wochen bis
es klappte und ich zur nächsten Kategorie, zum Freistehbarren
wechseln durfte.
Copyright
Archiv Friesenlovecoach 2004
Ich stehe eine halbe Stunde im Freistehbarren
Freistehbarren
1-2x täglich hab ich das Stehtraining am Freistehbarren
gemacht, im Idealfall eine halbe Stunde an Stück. Oft ist mir
dies aber nicht gelungen. Mit dem Sättelchen um den Popo konnte
ich mich elektrisch rauf- und runterlassen. Später klappte das sogar ohne
fremde Hilfe. Leider hat oft der Kreislauf nicht mitgespielt.
Cola trinken hat geholfen den Kreislauf wieder etwas in Schwung
zu bringen. Es war das gleiche Problem, welches ich schon beim
Stehbett hatte mit meinem Kreislauf.
Stehtraining - laufen oder nicht mehr laufen können?
Es gab auch eine ganz
kurze Zeit, wo ich sogar in der Physiotherapie mit Hilfe von einem
"Zwick"
in den Popo kurz aufstehen
konnte. Da ich durch die Spastik
Schritte auslösen konnte, habe ich von selber geübt im Barren
"laufen" zu lernen.
Eher mit der Spastik die Beine
durchstrecken und die Beine einzeln nach vorne setzen. Es hätte
nichts mit Laufen zu tun was ich mache, meinte meine
Physiotherapeutin. Sie hatte mich im ersten Augenblick
völlig demoralisiert! Ich solle meinen Querschnitt akzeptieren,
sagte sie zu mir.
"Euch zeige ich es!" war meine Reaktion. "Und ich
laufe aus der Klinik raus" hab ich bockig gemeint. Ich konnte
mich bis wenige Wochen vor dem Austrittsdatum aufdrücken und
kurz balancieren. Doch ich habe es nie geschafft, dass ich zum
Laufen komme.
Ich hab dafür täglich (auch später zuhause) in meinem
Freistehbarren gestanden. Es vergingen leider allerdings mehrere Woche,
bis ich meinen Freistehbarren zu hause hatte. Dies wurde
irgendwie verschlafen dieses wichtige Trainingsgerät für mich zu bestellen, obwohl wir es
besprochen hatten. Auch meine Versicherung war damit
einverstanden, dass ich einen Freistehbarren erhalten sollte. Es ist eine enorm wichtige Übung für den
Alltag. Die Durchblutung wird gefördert und auch die
Darmaktivität, durch das Strecken vom Bauch. Ich trainiere auch
heute wieder jeden Tag, sofern ich mich kräftig fühle dazu und mir
nicht total schwindelig ist. Das Stehtraining verhindert meist
starke Beinschmerzen.
Copyright
Archiv Friesenlovecoach 2006
Ein riesiger Kampf, bis die Spastik nachlässt und ich in der
Bauchlage liegen kann.
Bauchlage
Da meine Beine durch die
Spastik beherrscht worden sind, war auch tägliches Training in
der Bauchlage verordnet worden. Mit Gewalt den Körper strecken.
Nach der Physiotherapie hatten die Therapeuten mich auf den Bauch
hingelegt. Das war eine grosse Anstrengung. Und manchmal ist
mein Körper explodiert und liess mich nicht liegen. Er wollte
das Strecken einfach nicht. Die Muskeln waren stärker.
Das Krasseste
war, einmal haben sich drei Physiotherapeuten auf mich gesetzt! und haben mit
grosser Gewalt meinen Körper strecken wollen. Aber auch da ist mein
Körper explodiert und drei erwachsene Menschen sind davon
geflogen!
Ich hab immer gesagt, mit meinem Rücken stimmt was nicht.
"Nein, es ist sicher alles in Ordnung, Du bist doch
untersucht worden", war die Antwort. Ich hatte immer
mehr Rückenschmerzen. Und wenn die Physiofachleute mich als
Patient ernst genommen hätten, dann wäre der Schaden schon
viel früher entdeckt worden. Warum sich manche Fachkraft immer
wieder über den Patient stellt, weiss ich nicht. Aber das ist
zum Glück nicht immer so und ich durfte schon ganz tolle Aerzte
und Pflegefachpersonen kennen lernen, welche mit dem Patienten zusammenarbeiten.
Copyright Archiv Friesenlovecoach/SPZ 2004
Wassertherapie
Diese Therapie hat mir auch sehr viel Spass gemacht. Das warme
Wasser im Therapiebad zu geniessen. Ich lag in den Armen von
meinen Therapeuten oder ich wurde an den Füssen oder am Becken
genommen und sanft hin und her bewegt, dass das Wasser mich
umspült und mir die Spastik beruhigt hatte. Das hatte wunderbar
geholfen. Doch
dieser Zustand hielt nur wenige Stunden.
Copyright Archiv Friesenlovecoach 2006
Ich sitze auf Syrus, einem Isländer, ein älteres erfahrenes
Therapiepferd
Hippotherapie
Erst in der letzten Hälfte der Erstreha-Therapiezeit durfte ich
an der von mir sehnsüchtig erwarteten Hippotherapie
auf dem Gutsbetrieb Eyhof 1x die Woche teilnehmen. Mein Therapiepferd hiess "Syrus". Er ist ein älterer braver
Isländer, der auf einem Auge blind war. Jedes Pferd hat einen
bestimmten Gangrhythmus und deshalb wurde Syrus für mich ausgesucht. Ich
freute mich endlich wieder aufs Pferd zu kommen. Es schien
zuerst gar nicht so eine Sache zu sein, bis die Therapeuten die
Patienten aufs Pferd gesetzt hatten (Pferdeführer und
Physiotherapeutin). Auf dem Eyhof war in der Halle eine Rampe.
Da konnte man mit dem Rollstuhl hochgeschoben werden. Das Pferd wurde
vom Pferdeführer an die Rampe herangeführt. Einen Transfer vom Rollstuhl
seitlich auf den Pferderücken fand ich das Schwierigste (Foto
vom SPZ).
Dann wurde das linke Bein über den Hals des Pferde gelegt und mich
auf den Pferderücken korrekt platziert. Die
Spastik setzte jedes Mal heftig ein, sobald ich auf dem
Pferderücken sass. Er drückte meinen ganzen Körper zusammen.
Ich musste mich mit den Händen mit aller Kraft abstützen. Es ging eine
ganze Weile,
bis sich die Spastik gelöst hatte und ich gerade auf dem Pferd
sitzen konnte. Ich hatte am Anfang das Gefühl, dass ich über
die rechte Schulter des Pferdes auf den Boden purzeln würde,
sobald sich das Pferd in den Schritt gesetzt hatte. Es
war ein rechter Kampf mit meinem Körper, bis ich mich
aufrichten konnte. Als ich das erste Mal wieder auf dem
Pferderücken sass, war das eine Mischung aus grosser Freude und
Trauer. Als ich mit meinem Rollstuhl zurück in die Klinik
gefahren bin, musste ich weinen. So sehr hab ich das "mit
dem Pferd zusammensein Können" vermisst. Es ist nicht nur
der Reitsport, der einem genommen wird. Es ist die ganze
Fähigkeit "Hobby Pferd". Ein Pferd putzen zu dürfen
und es für einen Ausritt satteln zu können. Ich durfte wenige
Male Syrus putzen. Das wurde aber nicht gerne gesehen. Das Pferd
wurde parat gemacht und der Patient soll seine Therapie auf dem
Rücken des Pferdes erleben.
Auf dem Foto kann man sehen, wie gut ich am
Schluss gesessen bin. Vielleicht kann ich doch eines Tages
wieder reiten gehen? Das hatte ich mir sehr gewünscht. Natürlich ist das KEIN korrekter
Dressursitz, was ich da Euch auf dem Foto zeige.
In der ReReha September 2006 durfte ich 2x die Woche in Nottwil
teilnehmen. Meist durfte ich auf Syrus "reiten". Ich
fühlte mich in die Zeit zurückversetzt, als ich noch auf Leo
täglich geritten bin. Da mir diese Therapie sehr gut tat, hat
mir meine Versicherung diese Therapie gegen meine Spastiken
genehmigt.
Erst ab Februar 2007 habe ich in der Nähe von
zuhause in Wil SG einen Therapieplatz bekommen. Siehe Link Hippotherapie.
In Wil SG wurde ich mit einem Kran aufs Therapiepferd gehievt.
Hier hatte man sich auch für das Islandpferd entschieden. Diese
Pferde haben eine praktische Grösse, weil die Physiotherapeutin
ihren Arm gesichert ums Becken vom Patienten legen kann.
Durch die missglückten Rückenoperationen ist es vermutlich
für mich zu "gefährlich", dass ich wieder aufs Pferd kann. Die Bewegung auf
meine Operationsstelle könnten starke Schmerzen auslösen und
wäre nicht sinnvoll. Eher für "den Kopf", aber
nicht mehr wegen der Spastik. Trotzdem. Ich wünschte mir so,
dass ich wieder mal aufs Pferd darf. Es müsste entweder ein
geschultes Therapiepferd sein oder eines wie Leo, was keinen
falschen Schritt tut.
Mein
erster Rollstuhl
Da ich mich schon sehr mit meinem Rollstuhlmodell Meyra X2
angefreundet hatte, hatte mir mein Ergotherapeut diesen bestellt. Ein Meyra X2,
43cm-Breite mit einem Sturz von 3° und als Highlight blau
leuchtende Räder, sobald der Rollstuhl bewegt wird. Wenn man im
Dunkeln fährt, kann man von weitem
sehen, wenn ein Rollstuhlfahrer daher kommt. Ich hab mich für die
silberne Farbe entschieden, damit mir jedes Kleidungsstück
jeder Farbe steht. Silber ist neutral. Übrigens auch bei den
Autofarben ist Silber die Gefragteste und Meistverkaufte.

Schwimmen
mit Schwimmhandschuhen im erhöhten Beckenrand im SPZ und ich
mag Tischtennisspielen
Copyright Archiv Friesenlovecoach, 2006
Sporttherapie - ein hartes Fitnessprogramm
Zur
Sporttherapie zählt das tägliche 60-minütige Konditionstraining
(Basketball, Chuckball, Unihockey, Tennis, Badminton,
Geschicklichkeitstraining wie Rampenfahren, Treppenfahren, auf
zwei Rädern balancieren, Hindernisse überwinden, draussen
Konditionsfahren und Handbikefahren), Schwimmen
(2-4x die Woche, ich bin dann etliche Bahnen geschwommen), Krafttraining
(tägl. im Fitnessraum) und Tischtennis
(eine Stunde 4x/W.). Dadurch, dass Nottwil so ein
abwechslungsreiches Angebot macht für die Reha, ist es
entsprechend gut ausgebucht.
Ich fühlte mich hier in Nottwil nur in der Erstreha sehr gut aufgehoben und kompetent betreut.
Auch die Zweitreha im September 2006 war einigermassen gut, auch
wenn ich nur im Untersuchungszimmer untergebracht war aus
Platzmangel. Das war noch in meiner alten Station im D.
Die Drittreha März 2008 empfand ich als Geldschneiderei. Das
Zimmer im obersten Stock für Privatpatienten war sehr gut, die
Pflege ebenfalls. Jedoch verging eine ganze Woche ohne das viel
Therapien geplant waren. Auch in der zweiten Woche wartete ich
auf das MRI der Lendenwirbelsäule. Ich musste mich mehrmals zur
Wehr setzen. Erst Anfangs der dritten Woche bekam ich die
notwendige Untersuchung, deswegen ich überhaupt in die Klinik
geschickt worden bin. Mit den Ärzten besprochen wurde mein
Rückenproblem am letzten Abend um 19 Uhr, bevor ich am
nächsten Tag meinen Austritt aus der Reha hatte. Ich war sehr
enttäuscht. Wenigstens konnte der Rückenschaden gefunden
werden und meine Rückenschmerzen erklären. Hätte man dies in
der ersten Woche gemacht, hätte man diverse Therapien abklären
können! Und meine weiteren Möglichkeiten. Die Orthopäden sahen nur ihre Operation, das mir als
einzige Möglichkeit präsentiert worden ist.
Ich bin mir heute sicher, dass wenn gleich zu Beginn der Reha
geschaut worden ist und Zeit genug gewesen wäre, die diversen
Therapien abzuklären, dass ich mich nicht für den falschen
Operateur/Methode entschieden hätte. Ich würde mich nie mehr
für eine Rücken-OP entscheiden, welche für mich
lebensverkürzend geworden ist.
Copyright Archiv FLC 2006
Im Kraftraum des SPZ
Kraftraumtraining
Auch dank dem täglichen halbstündigen Kraftraumtraining wurde
ich fit.
Jeden Tag stand das Training auf dem Wochenplan. An den Geräten wurde
für jeden Patienten ein passendes Programm zusammengestellt.
Copyright
Frank Spahl
Auch auf Teneriffa haben wir meinen Swiss-Trac mit dabei
Swiss-Trac
Als ich schon sehr fit im Fahren war, war immer noch die Frage,
wie ich weitere Strecken fahren konnten. In der Schweiz heisst
die Lösung Swiss-Trac. Das ist eine 65kg schwere Zugmaschine,
welche den Rollstuhl 30km pro Akkufüllung ziehen kann. Auch
über steile Strassen, Gehsteigkanten oder naturbelassenes
Gelände. Mir hat das Fahren soviel Spass gemacht, dass ich zum
normalen Fahrkurs eine Offroadfahrstunde bekommen hatte. Ich
muss auch meine Versicherung AXA-Winterthur (mein Arbeitgeber)
auch sehr loben. Ich durfte mir dieses Gerät bestellen. Nicht
nur zuhause gibt mir der Swiss-Trac einen grossen Spielraum an
Bewegung zurück. Auch im Urlaub leistet mir das Gerät grosse
Hilfe die Natur pur zu erleben.
Siehe
Filme
- Mit
dem Swiss-Trac auf dem Teide
- Auf
dem Rollstuhlweg am Teide (Aufzeichnung mit einer Kopfkamera
GoPro).
Weitere Spezial-Therapien
Nur
in der Erstreha bekam ich Fango und Schultermassagen. Ebenso
durfte ich die "Cranio-sacral" Therapie
ausprobieren. Bei Reiki bin ich mir
nicht sicher (mit Hand auflegen, Frank kann das auch). Das erweiterte
Angebot war auch die Feldenkraistherapie. Für diese Therapie
musste es sehr still sein. Dummerweise war dieser Raum neben der
Physiotherapie und dem Kraftraum, wo immer fetzige Musik lief zum Training. Die
Therapeuten hatten dadurch schon etwas Stress zusammen. Die
Physio hat für die Reha mehr Gewicht als die Feldenkraistherapie.
Copyright
Archiv Friesenlovecoach, 2006
Eigentherapie: Atelier für Gestaltung / Basteln und die Fingerfertigkeit
trainieren
Das Angebot ist sehr vielseitig im Atelier für Gestaltung. Ein
bis zwei Betreuerinnen sind vor Ort und helfen den Patienten.
Von Seidenmalerei bis hin zum Körbe flechten ist die
Möglichkeit sehr gross, was man basteln konnte. Das Atelier ist
zu bestimmten Zeiten offen und jeder darf ohne Anmeldung kommen
und gehen wie er mag und Kraft hat. Und sei es nur für ein
Schwätzchen. Die Therapie ist freiwillig. In meiner
therapiefreien Stunden habe ich viel gebastelt. Ich habe
unzählige Plastikkörbe mit Bändern gewoben. Manchmal hab ich
auch nur das Material geholt und hab auf meinem Zimmer
weitergemacht. Die Körbe sind sehr praktisch für den
"Warentransport" auf den Knien. Für grosse Einkäufe sind sie allerdings
nichts, weil die Griffe in die Hände einschneiden.
Ergotherapie: Alltag und Umbau zuhause
In Nottwil ist die Therapie aufgeteilt. Die Beine werden von der
Physiotherapie betreut und die Ergotherapie ist zuständig für alles was die Arme und
Hände betrifft. Es gibt viele Möglichkeiten die Finger und
Geschicklichkeit zu trainieren. Und sei es nur ein
"Spiel", wo ich Stäbchen in ein Loch platzieren musste.
Ergotherapie: Kräftemessen der Finger und der Hand
Via einem
Computerprogramm und einer speziellen Vorrichtung wird die Kraft
in den Fingern ausgemessen. Zuerst muss man einen Hebel mit der
Hand zusammendrücken in verschiedenen Positionen eingestellt.
Als zweite Messung wird eine kleine Platte einem in die Hand
gegeben. Man soll dieses mit seinem Fingern in verschiedenen
Positionen zusammendrücken. Mit langen Fingernägeln ist es
sehr schwierig diese punktuellen Messungen zu machen.
Ergotherapie: Hilfsmittel
In der Ergotherapie wurde abgeklärt, ob ich noch
Hilfsmittel brauchen würde, welche mir im Alltag zuhause helfen.
Natürlich war das Ziel, wenn möglich mit möglichst wenig Hilfsmitteln
auszukommen. Die Rutschbretter, mein Duschrollstuhl mit der
Gelmatte zum Draufsitzen oder die Zangen, um heruntergefallene
Gegenstände wieder aufzuheben sind die Hilfsmittel, die ich am
meisten benutze und mir helfen.
Ergotherapie: Umbaumassnahmen
Zur Ergotherapie gehören auch die Umbaumassnahmen, was ich alles
für mein Haus zuhause benötigen würde, damit ich alleine
darin wieder lebe kann. Eine Besichtigung fand bei mir zuhause
am 7. September 2004 mit zwei Architekten, meinem vertrauten Ergotherapeuten, meinen
Eltern (als Unterstützung) und mir statt. Ein Datum, das
mir zeitlebens in schmerzlicher Erinnerungen sein werden. Ich
wusste nicht, dass ich mein geliebtes Pferd Leo das letzte Mal
sehen werde.
Damals war es ein Schock, als ich
feststellen musste, was alles nicht mehr funktioniert und was
umgebaut werden musste. Als aller Erstes war mir klar, dass ich
zwei Treppenlifte benötige, damit ich nicht nur in alle
drei Stockwerke komme sondern auch von der Garage an meine
Haustüre.
Damit ich auf die Terrasse komme musste die "Stufe"
weg und die Balkontüre verlängert werden, damit man die Türe
wieder schliessen konnte. Später kam noch die Umbauten des
Badezimmers und der Küche dazu. Und nur einen Bruchteil wird
von der Versicherung übernommen. Der Weg im Garten bis zum
Kompost wurde als nicht nötig eingestuft. Ich hab alles so
umgebaut wie ich es für nötig empfinde was mir hilft und ich
mich wohl fühle damit. Es ist doch wichtig, dass ich mich frei
bewegen kann. Und ich muss zugeben, dass ich bis heute dran bin
mein Haus barrierefrei zu verbessern. Ich habe jedes Jahr
in mein zukünftiges Heim investiert um ein beschwerdefreieres
Leben zu haben.
Nach dem Termin hab ich meinen Ergotherapeuten gebeten, er
möglich mich doch bitte in den Stall fahren. Ich würde mein
Pferd gerne besuchen. Diesem Wunsch wurde entsprochen. Ich hab
mich so gefreut, dass ich endlich nach so langer Zeit mein Pferd
wieder in die Arme schliessen durfte.
Abschied
von Leo, meinem geliebten Pferd
Arbeit des Hufschmieds begutachten
Letzter Besuch bei Leo
Als
ich Leo am 7. September 2004 das allerletzte Mal gesehen hatte,
habe ich es gespürt, dass es das letzte Mal sein wird. Ich
hab Leo eher distanziert erlebt. Noch wie waren wir eine so
lange Zeit getrennt, seit ich ihn anfangs 1990 gekauft hatte
damals. Als ich mich von ihm
verabschiedet hatte, hatte er nicht mal gross reagiert und
weitergefressen im Stall. Das starke Band war gerissen. Bestimmt
war er enttäuscht, dass ich ihn im Stich gelassen hatte. Ich
war ja bei der Kutschenfahrt "einfach verschwunden".
Das war bestimmt ein schlimmer Augenblick für ihn, dass ich auf
hier und jetzt nicht mehr da war. Mich nicht mehr um ihn
gekümmert hatte. Leo war gewohnt, dass ich mich jeden Tag mit
ihm beschäftigt hatte. Auf einmal war ich einfach nicht mehr da
für ihn. Friesen sind sehr sensible Pferde und ich kann mir
vorstellen wie schlecht er das verkraftet hat. Wie es mir
ebenfalls nicht gut ging meine Tiere zurückzulassen.
Als mein Ergotherapeut mit mir vom Stall wegfuhr, wir mussten
nach Nottwil in die Klinik zurück, hatte ich das Gefühl, dass
ich Leo lahmen gesehen hätte im Rückspiegel, als er auf den
Schnitzelplatz gelaufen war. Am nächsten Tag kam dann das
Telefon, dass Leo lahmen würde!
Hiobsbotschaft - neuer Schicksalsschlag
Leo muss über die Regenbogenbrücke gehen
In der Zwischenzeit hab ich einen weiteren sehr schweren
Schicksalsschlag erfahren (7 Wochen nach meinem Unfall). Leider
hat Leo in der Zwischenzeit einen Hufabszess erlitten. Er ist
sich vermutlich selbst (?) auf den Kronenrand getreten, da er
einen Offenstall bekommen hatte und selber rein und raus konnte.
Am ersten Tag des Lahmens habe ich sofort den Tierarzt bestellt
und mobil röntgen lassen. Leider war mein guter Tierarzt selbst
an einer Weiterbildung. Ich hab dann den Tierarzt von meinem
Hufschmied Rolf genommen. Mit diesem Tierarzt konnte er gut
zusammen arbeiten sagte er. Soweit - so gut. Erste Diagnose:
Altersarthrose. Mit dem hätte ich leben können. Aber es war
nicht so. Nach drei Tagen brach Eiter aus dem Kronrand aus, wie
mir berichtet wurde. Ich lag hier in Nottwil und konnte nichts
tun. Was für ein Schock. Ich habe den Tierarzt gefragt, ob ich
Schuld sei, er verneinte. Die Zeitspanne zwischen meinem Unfall
und Leos Erkrankung war einfach eine zu lange. Leider konnten
der Tierarzt und der Hufschmied Leo trotz (fast) täglicher
Pflege beider nicht retten. Die Pflege von einem Freund schien
nicht geklappt zu haben.
Hätte ich oder Bekannte vielleicht mehr tun können? Die
aggressiven Bakterien wanderten bis ins Karpalgelenk, frassen
den Schleimbeutel an und die Gelenkflüssigkeit lief aus. Ein
Todesurteil. Leo stand nur noch auf drei Beinen im Stall, trotz
Medikamenten.
Erlösung zu hause in seinem Stall
Mein Friesenhengst Leo út de Polder (geb. 28. Mai 1986) musste
ich am 21. September 2004 von seinen Schmerzen erlösen.
Ein Schuss sorgte für den nötigen Weg über die
Regenbogenbrücke. Danach lag er auf dem Schnitzelplatz und
wartete auf seinen Abtransport. Mir genügt schon die
Vorstellung daran. Als Besitzer sollte man immer dabei sein
können, wenn sein geliebtes Tier über die Regenbogenbrücke
gehen muss. In guten wie in schlechten Tagen.
Unter dem Button "in Memorian" hab ich all meinen
Tieren einen schönen Nachruf geschrieben.
Jede Operation bezahlt, wenn ich Leo hätte retten können
Ich hätte Leo jede Operation bezahlt, wenn ich ihn nur hätte
retten können. Ich weiss, wie andere Leute denken, ein altes
Pferd hat nichts mehr wert, man sollte das Geld lieber in ein
gesundes junges Pferd investieren. Ich hätte ja auch einen
zweiten jungen Hengst gehabt, wenn alles gut gegangen wäre. Ich
hätte Leo mehr Ruhe gegönnt, Leo hätte das Gnadenbrot bei mir
bekommen und das junge Pferd langsam ausgebildet. Einen
Freund, den verkauft man nicht und gibt ihn auch nicht weg,
wenn er nicht mehr kann (verspüre Wut in mir, so viele machen
das aus finanziellen Gründen, wie herzlos muss man sein, so was
tun zu können. Lieber auf ein neues Pferd verzichten und dem
alten Pferd den nötigen Respekt zollen. Das junge Pferd Schritt
für Schritt, wie es die alten Rittmeister alle getan hatten
ausbilden. Ich hatte meinen Plan genau im Kopf. Von jedem Buch
hatte ich mir die Rosinen rausgepickt, die ich mir auch für Leo
angeeignet hatte. Ich hatte mich selbst so viele Jahre
"ausgebildet", mir viel Wissen aus den vielen Büchern
angeeignet. Doch daraus wurde nichts. Durch meinen Unfall wurde
mir (fast) alles genommen. Doch es ist nun so wie es ist. An der
Vergangenheit lässt sich nichts mehr ändern.
Jetzt kann ich ein Wissen über das Friesenpferd all meinen
lieben Lesern weitergeben.
Ich
vermisse Leo so unglaublich
Der Tag, an dem der Besitzer sein Pferd hergeben muss, kommt
für jeden und er ist gefürchtet. Es folgt für viele eine
lange Trauerphase. Es ist gut wenn man sich im Vorfeld Gedanken
darüber macht, wie man reagieren würde und wie man sich
entscheiden könnte.
Leo ist „nur“ 18½ Jahre alt geworden. Dafür hatten wir
wunderbare 15 Jahre zusammen, die ich niemals vergessen
werde. Er war ein unglaubliches Pferd und wir hatten ein
wunderbares Vertrauensband. So ein Pferd gibt
es nie wieder.
Danke Leo, für die wunderbare Zeit - ich werde Dich niemals
vergessen und Du wirst immer ein Platz in meinem Herzen
haben.

Brief an Leo
"Leo Du bist auch nach all den vielen Jahren immer noch ein
Thema, nicht nur bei mir, auch bei Deinen Fans. Es freut mich
immer noch sehr, wenn ich durch die Geschichten über Dich, die
ich immer wieder für die Friesennews hier auf der
Friesenlovecoach schreibe, an Dein Leben erinnert werde. So bist
Du mir immer ganz nah an meinem Herzen und erfreue mich an die
vielen schönen Erinnerungen an Dich.
Deine Petra, die Dich immer noch sehr vermisst".
Neue Energie für die Reha
Es gab nur noch eine Richtung für mich und das hiess vorwärts!
Ich musste kämpfen für mich, musste für meine Rehabilitation
arbeiten. Das Gute daran war, dass ich jetzt keine Sorgen mehr
hatte, was mit meinem geliebten Pferd war, ob es versorgt war.
Es war vorbei.
Bewegung kommt zurück
Ich war voller
Trauer über meinen verlorenen Freund. Aber es war,
als hätte mir Leo vom Himmel Kraft geschickt, denn
dieser Tag werd ich nie mehr vergessen. Ich hab auf
meinem Bett gelegen, mich ausgeruht und hab meine Füsse
angeschaut. Und dann... hab ich DAS richtig
gesehen, haben sich eben meine Zehen bewegt?
Tatsächlich, ich konnte mit den Zehen meines linken
Fusses wackeln! Auf 1-2-3-Pause-1-2-3. Voller Freude
und Fassungslosigkeit hab ich auf meine Füsse
gestarrt. Ich klingelte nach der Pflege und wollte das
unbedingt jemandem zeigen. Und dann verbreitete sich
die Nachricht in Windeseile wie ein Lauffeuer auf der
ganzen Station. Alle Pfleger und Pflegerinnen sind
zusammen gelaufen und wollten das "Wunder"
sehen. Ingo meinte, Petra, Du weisst was das jetzt
heisst? "Ich kann wieder laufen?" war meine erste
Reaktion. "Nein, viel Arbeit", war seine
Antwort.
Auch die Stationsleitung kam ins Zimmer.
"Na Petra, was habe ich Schönes gehört? Du
kannst Deine Zehen bewegen? Zeig' mal!" Ich war
schon "ausgepowert" vom vielen Zeigen doch
Kleinstbewegungen waren noch möglich. Es ging auch
nicht lange, da kamen der Oberarzt Dr. Koch und
der Chefarzt Dr. Baumberger aufs Zimmer. Sie haben
dann div. Tests mit mir gemacht wie Brett auf den
Bauch gestellt, damit ich meine Beine nicht sehen
kann. Sie haben dann durch die Tests erfreut festgestellt, ich kann es
"willentlich" ausführen und es ist keine Spastik.
Infolge der Reha hat sich die ganze Spastik dann aber doch
negativ entwickelt und hat sich später vor jede gute Bewegung
gelegt.
Jeden Tag ein Rekord
Ich hab jeden Tag noch härter trainiert, ich hatte soviel
Hoffnung, dass ich es schaffen werde mit der Reha. Ich wollte es
so unbedingt. Nur in der ersten Hälfte der Reha hab ich meine
Tagesrekorde gemacht. Je länger die Reha lief, je weniger stark
waren die Veränderungen. Und obwohl ich so viele Stunden pro
Tag trainierte, ging es vor allem darum, dass man uns für den
Alltag vorbereitete.
Ergotherapie: Kochkurs
Zum Alltag gehört auch, dass man kochen kann. In einen kleinen
Kurs hat man sich über Mittag getroffen und in der Übungsküche
von Nottwil mit einer Therapeutin zusammen etwas gekocht. Dabei
wurden auch die Handfunktionen der einzelnen Patienten
überprüft. Es gibt für Tetraplegiker extra Hilfsmittel, den
die Tetraplegiker haben Schwierigkeiten mit ihren Händen. Ich
bin froh, dass man bei mir meine Tetraplegie nicht merkt, wenn
man es nicht weiss. Ich habe ja "nur" drei etwas
eingeschlafene Finger, die aber trotzdem noch ihre Funktion im
grossen Teil erfüllen. Nur ab und zu fällt mir was aus den
Händen oder es wird meinen Fingern zuviel mit dem
Tastaturschreiben. Dann muss ich was anderes machen.
Ergotherapie: wieder Autofahren lernen trotz Querschnitt
Mit grossem Schrecken musste ich vernehmen, dass mein
Führerschein nicht mehr gültig ist. Mein Ergotherapeut
erklärte mir, dass ich zuerst mit einem umgebauten Auto wieder
autofahren lernen musste und eine
Kontrollfahrt des Strassenverkehrsamtes bestehen müsste, dass
ich wieder auf die Strasse durfte.
Das machte manchem von unserer Gruppe viel Sorgen, auch mir. So lange fahre ich schon Auto und jetzt soll auch ich
wieder in die Fahrschule gehen? Alles ganz neu lernen? Kann ich
das noch? Zuerst haben wir in der Ergo lernen müssen, wie wir
wieder ins Auto reinkommen. Das war ein grosser
"Krampf", wie wir Schweizer sagen. Ich hab
schlussendlich sogar gelernt die Spastik auszunützen und ohne
Rutschbrett ins Auto zu transferieren. Doch auch ich musste
später das Bananenrutschbrett dazu kaufen, damit ich unfallfrei
ins Auto auf den Sitz rutschen konnte. Soweit - so gut.
Hat man den Transfer geschafft, steht der Rollstuhl noch
draussen neben dem Auto. Wir haben gelernt den Rollstuhl
zusammenzufalten, ihn an den Haken der Rollstuhleinzugshilfe zu
hängen und hinter den Rücksitz zu jonglieren. Die hintere
Autotür der Fahrerseite läuft auf einer Schiene und kann mittels einer Lasche
zugezogen werden. Anschliessend werden mit viel Geschick die Beine
ins Auto gehievt (mit Spastik ist das gar nicht so schlecht).
Endlich sitze ich hinter dem Lenkrad. Fahrertüre zu. Ich wäre
also parat um mit dem Auto zu fahren.
Es wurde Ernst. Ich hatte eine "Erste Autofahr(probe)stunde"
mit einem umgebauten Fahrzeug, welches in zwei Arten mit wenigen
Handgriffen umgebaut werden konnte. Es hiess: mit Gasring oder
mit so einer Querstange-Spezialschaltung lernen zu fahren (ich
weiss nicht mehr wie dieses Ding heisst). Schon beim Einsteigen
in den Wagen gab es den ersten Ärger. Ich hab dem Fahrlehrer erklärt,
dass ich starke Spastikerin bin. Er war zuerst noch nett und
meinte selbstbewusst, dass er sich schon ganz gut auskennen
würde mit dieser Erkrankung und schon packte er mich an meinen
Füssen, weil ich ihm zuwenig schnell ins Auto gekommen bin. Und
schon löste er meine Streckspastik am linken Bein aus und ich
"trat" ihm dann schmerzhaft auf seine Hand. Durch den
starken Streckkrampf konnten wir das Bein gar nicht so schnell
lösen. Er wurde sauer. Das war kein guter Start. Dann begann das
Testfahren und ich musste entscheiden, welche Umbauart
mir besser zusagen würde. Ganz ehrlich,
ich bin mit beiden Arten überhaupt nicht klar gekommen! Mit dem
Gasring hatte ich mir meine Daumen eingeklemmt und mit der
Querschaltung bekam ich Spastiken. Meine Spastiken waren ja
nicht nur in den Beinen, sondern schossen auch noch in meine
Arme. In einem der Fahrstunden fuhr ich Gasring, mit anderen
diese Querschaltung. Einmal, ich fuhr mit dieser Querschaltung,
hatte ich den Wagen mitten im Kreiselverkehr abgewürgt. Der
Fahrlehrer hatte mich echt zur Schnecke gemacht. Man hat ja
sonst schon täglich zu kämpfen, da kann man mit Leuten, die im
falschen Beruf sind, nichts anfangen. Mit behinderten Menschen
täglich umgehen zu können, dazu muss man berufen sein.
Aber viele von unserer Gruppe kamen mit dem Herrn nicht zurecht. Ich bekam
dann zum Glück eine dritte Umbauart gezeigt. Den Carospeed. Das war genau das,
was für mich sehr gut passte. Wie ein Joystick, Hebel nach
vorne drücken = Bremsen, Hebel nach hinten ziehen = Gas geben.
Blinker und Fernlicht sind ebenfalls dran. Da ich mir aber den Ton
des Fahrlehrers nicht gefallen liess und weiterhin mit ihm nicht gut auskam, hab ich die Schulung abgebrochen und die Kontrollfahrt
auf später zuhause verlegt. Er versuchte mich noch zu beknien,
aber ich wollte nicht mehr. Mittlerweile hab ich eine fette
Fieberblase an der Unterlippe bekommen. So eine bekomme ich
immer, wenn grosser Stress von mir abfällt.
Ich hab mich mit meinem
Strassenverkehrsamt in Verbindung gesetzt. Der Experte verstand
meine Situation und meinte
nur, ich sollte mir keine Sorgen mehr machen. Ich müsste einfach beweisen, dass ich schon Fahrstunden
auf einem umgebauten Auto gehabt hätte. Kein Problem, ich
konnte ihm die abgerechneten 7 Fahrstunden beweisen. Diese reichte ich ein und
ich bekam meinen neuen Führerschein ungefähr auf das
Entlassungsdatum nach hause zugeschickt mit den Worten:
"Bitte versprechen Sie mir, dass Sie nie alleine
Autofahren, bis ich Ihnen die Kontrollfahrt abgenommen
habe!" "Ja, das verspreche ich Ihnen". Und schon
hatte ich meinen gewünschten Fahrschein. Danach ging es mir
viel viel besser! Ich bin mit verschiedenen lieben Menschen als
Beifahrer unterwegs gewesen und ich hatte keine Probleme mehr. Die Kontrollfahrt hab ich dann später, als
ich schon zuhause war, locker
bestanden.
Forschungsarbeiten
unterstützen
Links- oder Rechtshänderin?
Es kam eines Tages auch ein Mitarbeiter der Forschungsabteilung
vorbei. Er fragte, ob ich mitmachen möchte bei dem Projekt
"Links- oder Rechtshänder" erkennen. Klar! Mit einem
gar nicht so kleinen Metallstab hat er meine Schwingungen im Kopf ausgemessen.
Er sagte, ich solle ihm nichts verraten, welche "Händigkeit"
ich habe. Das Ergebnis gehört in eine
Studie. Dann folgte seine Diagnose:
Sie sind eine Linkshänderin, welche auf Rechts umgelernt worden
ist als Kind.
Ich war total baff. Das wissen nur meine Eltern und ich. Das ist verblüffend, dass dies die Schwingungen
dieses Stabes verraten hat. Damit wurde bestätigt, dass dieser
Stab funktioniert. Daher auch die Bestätigung, dass ich schnell auf Links
umgelernt hatte, als die rechte Hand nicht mehr ging.
Der Medizinstudent
Eines Tages bekam ich einen Medizinstudenten an die Seite
für einen Tag. Einige bekamen Patienten, die den ganzen Tag im
Bett gelegen sind. Ich war da schon recht fit zu diesem
Zeitpunkt und hab für meinem "Lehrling" in der
Ergotherapie einen eigenen
Rollstuhl organisiert. Ich hab ihm eine kurze Fahrstunde gegeben
und erklärt auf was er achten muss beim Rollstuhlfahren. Und
schon flitzen wir zu Zweit durch die ganze Klinik. Es machte ihm
einen irren Spass das Rollstuhlfahren. Er fuhr im
"Affenzahn" die Rampe hoch und ich musste schauen, wie
ich mitkam. Begeistert erzählte er am Abend am runden Tisch
seinen Mitstudenten von seinem tollen Erlebnis mit mir und dann
war klar, er hatte den tollsten Tag von allen! Es hatte mir auch
Spass gemacht mit ihm. Er hatte viele Fragen zu meinem Alltag
und ich hab ihm sehr viel aus meinem Klinikleben und mein neues
Leben als Querschnittgelähmte erzählen können. Er war auch bei meinen anderen Therapien
dabei.
Durch das allmorgendliche Fitnessprogramm mit den anderen
Rollstuhlfahren und der sehr netten Sporttherapeutin - im
schönen Wetter draussen und sonst in der Halle - bringt das
schon sehr viel, wenn man mit anderen zusammen trainieren darf.
Nicht nur hin- und herfahren in der Halle, auch Spiele
(möglichst wild) sind (waren) mein Ding!
Training für den Alltag zu hause
Als es mit den Therapien immer besser klappte und ich schon
richtig frech mit meinem Rollstuhl rumgefahren bin, hiess es: Ich sei nun fit genug für das
Alltagstraining für zu hause. Das
war so Ende November 2004. Am Freitagabend kamen meine Eltern
und holten mich in Nottwil ab. Sie fuhren mich nach hause und
blieben bei mir. Ich hatte noch keinen Treppenliftumbau bei mir
im Haus. Dieser kommt erst auf den April 2005, wenn ich wieder zu
hause bin. Ich musste versuchen in den ersten Stock zu kommen.
Jetzt konnte ich anwenden, was ich in Nottwil kräftig trainiert
hatte. Ich hatte mittlerweile gelernt mich vom Rollstuhl auf den
Boden bzw. auf die erste Treppenstufe zu setzen. Und dann stemmte
ich mich mit meinen Armen auf der nächst höheren
Treppenstufe
ab und drückte
meine Beine mit meiner Spastik den Popo nach oben und konnte so
Stufe für Stufe die Treppe "raufrutschen". Meine Eltern trugen mir
meinen Rollstuhl hoch. Ich konnte mich dann
tatsächlich von der Treppe wieder zurück auf den Rollstuhl
setzen. Was für ein Trainingserfolg!
Was für ein schönes
Wiedersehen mit meinen Tieren! Schon so lange hatte ich sie
nicht gesehen. Die drei Katzen schmiegten sich schnurrend an mich und hatte
gar keine Angst vor dem Rollstuhl. Meine zwei Papageien freuten
sich ebenfalls. Auf was für einem
komischen Gefährt sitzt den die Petra und warum ist sie so tief
unten? scheinen ihre vorsichtigen ersten Blicke zu sagen. Der
Gelbwangenkakadu Johnny kam jedoch sofort mutig ans
Gitter und krabbelte dann zu mir runter. Die Tiere haben sich doch noch schnell an
meinen Rollstuhl gewöhnt. Ich konnte meine Lieblinge allerdings nicht
mehr selber versorgen und war darauf angewiesen, dass dies eine
Drittperson machen würde. Meine damalige Nachbarin war so lieb
und hat diesen Dienst jeden Tag 2x übernommen bis eben Frank in
mein Leben gekommen ist.
Copyright Archiv Friesenlovecoach von 2006
„der
Vogel fliegt – der Fisch schwimmt – der Mensch läuft“
Testperson für den Lokomaten
Der Lokomat ist ein Laufband, welcher mit einem
Roboter"kostüm" verknüpft wird. Ich durfte für 14
Tage im Dezember 2004 Proband sein, bevor sich Nottwil diesen Lokomaten selber
angeschafft hatte.
In der Testphase Fall bekam ich so eine Art
Klettergurt angezogen. Irgendwie gut überlegt, doch es zwickt
ganz schön im Schritt. Dann wurde ich in die Luft gezogen und
hängte da wie eine Marionette. Dann wurde der "Roboter"
angeschnallt. Ich kam mir vor wie bei "Star Wars". Der Physiotherapeut hatte mich vorher ganz genau
ausgemessen und wusste, wie er die Roboter"beine" einstellen
musste, damit
das Kostüm sass. Es dauerte eine ganze Weile, bis alles passte,
sogar die Fussspitzen wurden an Federn aufgehängt, nicht, dass ich noch
über meine eigenen Füsse stolperte. Dann konnte ich die ersten
Schritte tun. Es brauchte ein paar Anläufe, dass mein Körper
die Maschine akzeptierte. 30 kg mussten meine Beine selber
tragen und 30 kg wurde mir durch das "Marionettenkostüm"
abgenommen. Und dann, das Wunder. Ich laufe von selber. Die
Geschwindigkeit musste ausprobiert werden. Aber ich marschierte
ganz ordentlich. Dass mein Körper gut mitmachte zeigte der
"Smiley" auf dem Bildschirm. Was für ein erhebendes Gefühl!
Stellt Euch vor, wenn alles gut gegangen war, schaffte ich in 20
Minuten einen Kilometer!
Das klinikeigene Gerät kam leider erst anfangs April
2005. Da ich bereits schon am 19. April mein Entlassungsdatum hatte, durfte ich
so kurzfristig nicht
mehr mitmachen. Es würde nicht mehr lohnen, wenn ich jetzt dann nach hause gehen
würde. Sie hätten " wichtigere"
Patienten. Ich fühlte mich durch diesen Satz zu tiefst
verletzt.
Ich konnte nach 17 Monaten später das Gerät erneut
ausprobieren. Leider wurde meine Spastik so stark,
dass in der ReReha im September 2006 der Lokomat nur noch
automatisch abgeschaltet hatte wegen dem starken Muskelwiderstand. Wir mussten
dieses Training komplett abbrechen. Das hatte mir einen schweren Knick
gegeben.
Ich durfte nach hause
Seit November 2004 durfte ich jedes Wochenende nach hause
und den Alltag zuhause üben. Meine Eltern hatten mich jeweils
von der Klinik am Freitagabend abgeholt und haben mich am
Sonntag wieder nach Nottwil zurückgefahren. Im Laufe anfangs
2005 wurde mein Treppenlift im Haus eingebaut. Es war meinen
Eltern recht mulmig zu Mute, als ich ihnen sagte, dass ich den
Abend alleine zuhause verbringen möchte und die Nacht. Und sie
ruhig nach hause fahren konnten. Ich würde gut im Haus
zurechtkommen, auch wenn noch nicht alles fertig umgebaut war.
Meine Eltern wohnen etwas über eine
halbe Stunde von mir entfernt. Sie waren der Meinung,
dass, wenn ich Hilfe bräuchte, sie nicht so schnell da sein
könnten. Sie mussten es lernen zu akzeptieren, dass ich den Abend,
die Nacht und den Morgen auch alleine verbringen wollte.
Ab dem 19. April 2005 durfte ich endlich ganz nach hause.
Auf der einen Seite freute ich mich und auf der anderen Seite hatte
ich das grosse Kribbeln im Bauch. Ich war damals absolut fit
und konnte ALLES alleine machen. Ich war soweit wieder
trainiert, dass ich als Tetraplegikerin absolut alleine leben
konnte und es nichts gab, wo ich Hilfe benötigen würde. Vom
auf dem Bett katheterisieren, die Notdurft, anziehen, Transfers
ja sogar in die Badewanne (mittels einem Badestuhllift) alles
hatte ich alleine geschafft. Damals war ich noch nicht an den
Lendenwirbeln operiert. Mit meiner Quetschung an den Halswirbeln
hatte ich noch Glück im Leben fand ich.
Subaru Legacy Kombi 2.0
In der Zwischenzeit hatte ich mir einen nigelnagelneuen dunkelblauen
Subaru Legacy ein Kombi aus dem Werk bestellt. Ein Traumwagen.
Das Auto hatte ich per Katalog bei der Apollogarage in
Schwarzenbach gekauft. Das Auto wurde nach der Anlieferung
direkt zu "von Rotz" nach Dussnang geliefert.
Der ist auf behindertengerechten Autoumbauten spezialisiert. Ich
liess den Carospeed (fast alle Umbauten von "von Rotz"
haben diesen Carospeed), die Hintertüre auf Schienen, die
Rollstuhleinzugshilfe machen. Alles klappte ganz
wunderbar.

Meine erste Autofahrt mit dem eigenen neuen Umbau
Was zum Selbständig-Sein gehörte war auch selber wieder Auto
zufahren. Mein neuer Subaru Legacy stand in der Garage. Mit grossem
Herzklopfen machte ich meine erste Fahrt zusammen mit dem
damaligen Garagenchef von "von Rotz". Mein neues Auto
fuhr sich ganz wunderbar. Bei meiner zweiten Fahrt nahm ich meine
Mutter mit zum Physiotermin nach Münchwilen. Ich musste ja
meine Physiotherapien fleissig weiterführen, wenn auch nur noch
2x die Woche. Auch diese Fahrt ging sehr gut und ich hatte das
Gefühl, dass ich schon länger wieder Autofahren würde. Ich
machte die ersten Fahrten mit meiner Mutter. Einmal kam auch die
Frau von einem Nachbarn, der Fahrlehrer ist, mit. Sie gab mir
noch ein paar wertvolle Tipps, auf was die Experten besonders
achten würden. Blick in den Rückspiegel. Im Querschnitt kann
man sich ja nicht mehr so drehen, aber ich schaffte das!
Ich hatte nach wie vor ein grosses Problem. Das Kurvenfahren und meine
Spastik. Einmal nahm ich meine Friesenfreundin mit. Ich wollte ihr zeigen, was ich schon alles gelernt hatte.
Wir waren gerade wieder zurück von der Hauptstrasse und wollten in meine Quartierstrasse einbiegen, da passierte es.
Meine Spastik setzte ein und liess meine Beine hochspringen und
verklemmten sich am Lenkrad. Ich stand also in der Kurve und nichts ging mehr. Meine
Freundin musste aussteigen und von Hand helfen, von der geöffneten
Fahrertüreseite her, meine beiden Beine zu entwirren, damit ich die paar restlichen
Meter zur meiner Garage fahren konnte. "Schluss/aus", das
war's. So konnte ich nicht auf die Strasse.
Ich hatte in Nottwil von einer
Geschichte gehört, dass jemand so starke Spastik entwickelt hatte, dass der
Patient seine Beine anbinden musste. Das ist die Lösung für
mich. Ich verabredete mich erneut mit meinem Autoumbauer "von
Rotz". In Begleitung bin ich mit ihm zusammen zu einem Autosattler gefahren.
Ich schilderte ihm genau mein Problem und er hörte aufmerksam
zu. Der Autosattler hatte schon eine Idee im Kopf. Ich
blieb im Auto sitzen und die zwei Herren gingen für 10 Minuten
weg. Dann kamen die Herren mit einer
Plastikfolie zurück. Diese wickelten sie fest um meine Knie.
Dann verstärkten sie die Plastikfolie mit einem Klebband,
welches so dick um meine Knie geklebt wurde, dass das Klebband
eine Art weiche Schale gab. Mit dem Filzstift zeichnete der
Autosattler eine Form um meine Knie wie ein Scherenschnitt. So
erreichte er eine feste und doch bewegliche Form, eine Vorlage
zum Nähen nach dem Ausschneiden. Die Idee war, dass ich diese
Sonderanfertigung aus festem Stoff erhalten sollte, welche mit links und rechts zwei
Autogurten mit Gurtenverschlüssen, die mit Verschlussstücken
am Boden vor dem Fahrersitz festgeschraubt wurden. Was für eine
grossartige Idee!

Als der Gurt fertig war und er installiert worden ist, gab mir
dieser Gurt genau die Sicherheit und Stabilität zurück für
das Autofahren, die mir schon seit der ersten Autofahrt mit
dem Umbau gefehlt hatte. Die Spastik schoss von nun an in den
Gurt und meine Beine konnten nichts mehr anstellen. Endlich
hab ich mich beim Autofahren ganz sicher fühlen dürfen. Jetzt war ich auch
bereit für meine Kontrollfahrt. Ich meldete mich beim
Strassenverkehrsamt Oberbüren an. Ich bekam wie vom Experten
versprochen ganz schnell meinen Kontrolltermin. Mit meiner Mutter als Begleitung fuhren wir
zum Termin. Meine Mutter stieg aus, der Experte ein. Ich solle einfach mal losfahren.
Mitten in den Verkehr. An der Ampel anhalten, Kreisel,
Kurvenfahren. Am Lenkrad hab ich einen Knauf, damit lassen sich ganz enge Kurven nehmen und
gut rangieren. Alles war kein Problem und ich war auch überhaupt nicht gross nervös. Nach einer halben Stunde meinte der
Experte, er verstehe mein Problem
nicht, was ich gehabt hätte. Ich würde doch so super sicher
fahren. Ich dürfte jederzeit von nun an alleine auf die Strasse. Mir
fiel ein Felsen vom
Herzen. Ich hatte das Schreckgespenst Kontrollfahrt
bestens überstanden. Ich informierte nun meinen Vorgesetzten, dass ich die
Kontrollfahrt bestanden hätte per SMS. Gleich kam die
Gratulation zur bestanden Prüfung zurück mit der Frage, wann
ich jetzt wieder arbeiten
kommen würde. Gleich am Montag war meine
Antwort.
Wie ich ins Auto einsteige könnt ihr unter
Ausflug 2015 in einer Fotoserie sehen.
Zurück an den Arbeitsplatz
Es war mittlerweile Juni 2005. Ich freute mich auf meinen Arbeitsplatz. Alle haben mich riesig
begrüsst. Dass ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren durfte
ist nicht selbstverständlich und ich in meinen Vorgesetzten noch heute dankbar, dass sie mir die Chance
dazu gegeben hatten. Es freute mich so unendlich, dass ich
wieder eine Aufgabe hatte und stürzte mich in die Arbeit.
Nottwil nennt es Arbeitsversuch und ich durfte mich 20%
anfangen. Ich war zuerst enttäuscht, dass ich mit "nur" 20% beginnen sollte. Doch als ich so im Alltag
drin war, musste ich schnell feststellen, dass der Alltag mit
"am
Nachmittag arbeiten gehen" ganz schön streng war. Mein
Arbeitgeber AXA-Winterthur hat alles für mich gemacht. Es wurde
eine Liege organisiert, damit ich im Sanitätszimmer mich
katheterisieren konnte. Dies machte ich die ersten Jahre
liegend. Auch in der Parkgarage bekam ich meinen Lieblingsplatz
an der Wand, damit ich links auf der Fahrerseite genügend Platz hatte um
auszusteigen. "Mein Platz" wurde extra umdeklariert auf einen Behindertenparkplatz. Es
kam selten vor, dass jemand Fremdes unaufmerksam auf meinen speziell gekennzeichneten Parkplatz parkiert
hatte. Demjenigen hab ich
dann angerufen und die Situation erklärt, dass es nicht wieder
vorkommt. Der Parkplatz wurde mir kostenlos von der Firma zur Verfügung
gestellt.
Bruchteil meiner Arbeit
Da ich 20% gearbeitet habe und am Montagnachmittag in die
Hippotherapie ging bzw. gehen konnte, musste ich die anderen 4
Tage länger arbeiten, damit ich die Leistung erbringen konnte.
Da ich mit den 20% leider nicht mehr alle Arbeiten erledigen
konnte - war ja selbstverständlich, denn ich war ja vorher 100%
und immer auf Zack - hatte man entschlossen, dass ich nur noch
"ICP" (Infrastructure Contact Person) machen kann. Das
hatte mir auch Spass gemacht und ich war zusätzlich zuständig für
das Organigramme zeichnen mit dem PowerPoint. Da jeden Monat Leute entweder neu dazugenommen
sind oder gekündigt haben, Mitarbeiter andere Software auf
ihrem Computer haben mussten etc., gab es genug für mich zu tun.
Erste Ferien im Juli/August 2005
Da mir als Mitarbeiterin auch Ferien wie allen anderen
zustanden, hab ich mir bereits meine ersten Ferien im
Juli/August genommen. Ich wollte unbedingt möglichst viel
Eigentraining machen. Eigentraining ist das Training, wie das
Wort schon sagt, wo man selbst macht, ohne verschriebene Physio-
oder Ergotherapie mit einem ausgebildeten Therapeuten. In
unserem Dorf lebt nochmals ein Tetraplegiker. Erwin hatte seinen
Autounfall ziemlich genau 10 Jahre vor mir. Da
"Gerüchte" damals bei meinem Unfall die Runde
machten, hatte Erwin bereits 2004 in der Klinik telefonischen
Kontakt aufgenommen und wollte wissen, wie der Unfall genau
abgelaufen war. Mir gefiel das, denn, wer mag schon Gerüchte
über sich. Es wurde anscheinend erzählt, dass mein Pferd
durchgegangen sei und ich mein Pferd deswegen schlachten liess!
Was für ein Blödsinn! Leo war ein sehr bekannter Friese. Und
wenn jemand nicht wusste, dass Leo ein Friese war, so wusste man
doch wenigstens, dass ein schwarzes Pferd praktisch neben der
Hauptstrasse durch das Toggenburg nach Bazenheid stand.
Seit dem Telefonat mit Erwin hatten wir eMail-Kontakt und
wollten uns nach meiner Klinikentlassung treffen. Per Zufall
hatte er diesen zwei Ferienwochen frei. In der ersten
Ferienwoche hatten wir abgemacht für einen "Schwatz".
Wir sassen bei mir auf der Terrasse und hatten uns gut
unterhalten. So kam es, dass wir die ganze zweite Ferienwoche
täglich miteinander verbrachten. Erwin zeigte mir, wie man als
Tetraplegiker auch zu Zweit einkaufen gehen kann - mit einem
Auto und wie man einen zweiten Rollstuhl ins Auto verladen
kann. Auch sind wir zusammen Rollstuhlfahren gegangen. Er zeigte
mir einige Plätze, wo man sich "auspowern" kann.
Nottwil hatte mich schon fit gemacht, aber das Training mit
Erwin war hart. Dennoch wurde er zu meinem Vorbild, wie man es
schafft sich fit zu halten und das man ein "normales"
Leben leben kann.
Eigentraining
Auch nach den Ferien haben wir uns fürs Eigentraining
getroffen. Erwin war viel fitter als ich und so kamen wir auf
die Idee, ihn vor meinen Rollstuhl (wie bei der Kutsche)
anzuspannen und so konnte er sich auspowern und fuhr mir nicht
mehr davon. Im Sommer ist das ja kein Problem, dass ich den
Swiss-Trac vor meinen Rollstuhl spannen kann oder eben selber
mit dem Rollstuhl fahren kann. Aber wie mache ich das im Winter?
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1234.li
Rollstuhlrugby bei den "Rolling Rhinos"
Viele Rollstuhlfahrer organisieren sich in einem Rollstuhlclub
und trainieren zusammen. Es gibt viele Sportmöglichkeiten.
Nicht nur in Nottwil hab ich Sportarten kennengelernt, die man
als Rollifahrer noch alles machen könnte, um sich fit zu
halten. Doch damals, als ich noch jedes Wochenende mit Erwin
unterwegs war, war ich neugierig, wie dieses
Rollstuhlrugby-Training aussieht und durfte zuschauen. Schon
mein Vater sagte über mich "an mir ist ein Bube (Junge)
verlorengegangen", weil ich lieber mit einem
"Kipper" (Lastwagen) spielte als mit Puppen, die ich
nicht ausstehen konnte. Das Rollstuhlrugby fand ich toll! Nicht
nur, dass ich mich vor dem Spiel in einer Halle austoben konnte.
Es waren andere Tetraplegiker da und mir gefiel das "raue
Spiel", mit dem Rollstuhl in andere Rollstuhlfahrer zu
prallen um diese am Weiterfahren zu hindern. Hauptsache, ich war
auch an den Wochenenden ausgelastet und konnte mich etwas
austoben. Nach dem Training traf man sich zum gemeinsamen
Beisammensein in der "Beiz" (Restaurant). Im
Rollstuhlrugby fahren "Vier gegen Vier". Ein
Volleyball wird auf den Knien transportiert und eine gegnerische
Gruppe muss der anderen Gruppe den Ball abjagen und durchs
eigene Tor bringen. So hab ich mich relativ rasch für das Spiel
begeistert und durfte nächstes Mal mittrainieren. Nicht ohne
einen echten Rollstuhlrugbystuhl! Einer vom Vorstand, auch ein
Rollifahrer, organisierte mir einen Passivrugbystuhl. Der ist
mit zwei Haken vorne versehen, so dass ich die anderen
Rollstuhlrugbyfahrer auf die Hörner nehmen bzw. blockieren
konnte. Mir gefiel dieser Rollstuhl, weil er am Rad Griffreifen
hatte, wo ich richtig anpacken konnte wie bei meinen normalen
Aktivrollstühlen. Und er war leicht. Da ich eine gute
Handfunktion habe, hat man mir relativ schnell einen sogenannten
Aktivrugbyrollstuhl gegeben. Er war deutlich schwerer, mit
vollen Eisenrädern besetzt und zum Antrieben musste ich
Gummihandschuhe tragen. Damals war ich die einzige Frau, die bei
den Rolling Rhinos
(Fotos von meinem Training) mittrainiert hatte. Das störte mich
nicht und es war auch immer eine Fussgängerin da, die uns
geholfen hatte für die Transfers oder den schweren Rugbystuhl
wieder ins Auto zu verladen. Dieser Sport wird von
Tetraplegikern und vor allem von Männern gefahren (in Youtube
gibt es viele Filmchen). Ich wollte auch meinen Beitrag bringen
und habe für den Verein ihre erste Website programmiert. Als es
hiess, wir bräuchten einen Sponsor, hab ich meinen damaligen
IT-Leiter gefragt, ob er uns Trainingsleibchen sponsern würde.
Das kurze Gespräch fand in der Tiefgarage statt, quasi im
Vorbeigehen, als ich nach hause wollte und gerade dran war ins
Auto zu steigen. Ich sagte nur: "Martin, wir bräuchten
einen Sponsor für unsere neuen Leibchen ..." schon bekam
ich zur Antwort "Kein Problem, leg mir doch einfach die
Rechnung aufs Pult!" Unsere neuen Trainingsleibchen mit dem
Aufdruck "Rolling Rhinos" und der Nummer, bekamen auch
das Logo der "Winterthur-Versicherungen". Aber kaum
hatten wir die Leibchen, wurde unsere Firma an die AXA verkauft
und hiessen von nun an "AXA-Winterthur".
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1234.li
Ich werfe den Ball...
Für eine Tetraplegikerin habe ich noch erstaunlich gute Hände
und ich kann gut greifen. Da ich jetzt schon eine Zeit mit den
Rolling Rhinos gefahren bin, sollte ich offiziell eingeschätzt
werden. Dies wurde an einem Rollstuhlrugbyturnier gemacht.
Beurteilt wurde ich von einer Physiotherapeutin, welche die
Qualifikation dazu hat. Ich musste verschiedene Uebungen machen
mit "Ball greifen", "Hände hoch" und
"Ball hoch" halten, Ball im Fahren aufnehmen etc. Als
Ergebnis bekam ich hohe 3 Punkte eingeschätzt. Und mit diesen 3
Punkten bekam ich Aufgaben, die ich kraftmässig nicht erfüllen
konnte. Gesundheitlich ging es mit mir bergab. Das
Katheterisieren wurde für mich auch immer schwieriger. Es
dauerte Ewigkeiten, bis ich es auf dem WC geschafft habe die
Hosen runterzuziehen um mich steril auf dem WC zu
katheterisieren. Auch spielte meine Blase nicht mehr mit und ich
hatte meine Pants ("Windeln") gestrichen voll mit Urin
nach jedem Training. Bei jedem Aufprall oder stärker fahren
verkraftete das meine Blase nicht mehr. Und nicht nur die Blase
machte mir Ärger, auch mein Rücken tat mir weh. Jedes Training
wurde zum Frust, ich konnte die geforderte Leistung nicht
bringen. Die beiden Trainer waren unzufrieden mit mir.
Ich hatte eine ReReha im September 2006 machen dürfen. Ich
hoffte ja noch, dass ich zu Kräften kommen würde und dass das
Urinproblem behoben werden konnte. Als ich nach 6 Wochen zum
ersten Training kam, wurde ich vom Team kaum beachtet oder
richtig begrüsst. Ich war sehr enttäuscht darüber. Ist das
bei "Männervereinen" so?
Noch immer hab ich nicht wirklich viel mehr Kraft in den Armen
bekommen, obwohl ich so fest trainiert hatte. Nachdem ich wieder
länger auf dem WC hatte, bis ich endlich katheterisiert habe,
hat der Trainer ein Gespräch mit mir haben wollen. Das
Gespräch verlief alles andere als erfreulich. Und es ging nicht
nur darum, dass ich so lange auf dem WC habe. Ich war schon eine
Zeit lang vorher am Studieren, ob ich das Rugby aufgeben soll.
Das unschöne Gespräch brachte das Fass zum Überlaufen und
mein Entscheid stand fest. Nachdem ich mich zum Ausheulen aufs
WC verzogen hatte, gab ich meinen Austritt bekannt. Auch ein
versuchtes "netteres" Gespräch konnte mich nicht mehr
überzeugen. Ich brauchte diesen Frust nicht mehr. Sollen sich
andere darum kümmern. Und auch die Website kann weiterhin ein
anderer betreuen, die hatte ich vor der Reha in andere Hände
zur Betreuung gegeben. Ich hab wirklich Besseres zu tun! Meine
eigene Website!
Reorganisation in der AXA-Winterthur - ich bekomme einen
neuen Job
In der nächsten Reorganisation hab ich dann einen neuen Job
bekommen. Immer noch bei uns in der IT-Abteilung. Auch mein
neuer Vorgesetzter kannte ich noch von früher und wir hatten
schon einmal für eine sehr grosse Eventorganisation zusammen
gearbeitet. Auch die Mitarbeiter waren mir nicht
unbekannt. Ich durfte "Photoshopen", Events
organisieren und fürs Intranet Webseiten programmieren. Das hatte
mir auch sehr viel Spass gemacht. Das einzige
"Frustrierende" war, dass ich im Organigramm nicht
mehr ganz oben bei der Geschäftsleitung stand, sondern unten in
einer "ganz normalen" Abteilung als Mitarbeiterin
geführt.

ReReha 2006 und Handbike fahren
Wie ich schon kurz erzählt habe, hatte ich im September 2006
eine 2. Reha,
die sogenannte ReReha erhalten. Ganze 6 Wochen war ich in
Nottwil. Da mich damals der Stationsleiter angesprochen hatte,
wenn ich wieder nach Nottwil kommen würde, ich solle doch
wieder zu ihnen auf die Station D kommen. Natürlich hab ich
dieses Versprechen gegeben und gehalten. Doch als ich ankam,
hatte die Planung versagt und ich bekam jetzt doch keinen freien
Platz, obwohl man mich eingeplant hatte! Ich musste bei der
Ankunft für ein paar Tage in das Untersuchungszimmer. Aus
diesen 2-3 Tagen wurden, ich weiss nicht mehr in welcher Woche
das war, ich glaube in der 4. oder 5. Woche, hatte man mir
gesagt, jetzt könne ich auf die Station E oder F wechseln. Das
oberste Stockwerk mit der Station E und F sind für
Privatpatienten, die eben wie ich auch Anrecht darauf hatten,
gediegen zu residieren. Viele der alten Pfleger und Pflegerinnen
waren nicht mehr auf meiner Station D, doch ich hatte mich an die neuen Pfleger alle
gewohnt, da entschied ich: Jetzt müsse ich auch
nicht mehr wechseln, und blieb. Was soll das, die paar Tage noch
wechseln und mich wieder an neue Pfleger und Pflegerinnen
gewöhnen empfand ich als unnötig. Eine der Pflegerinnen war
die Tochter vom damaligen Präsidenten des Schweizer
Friesenpferde-Verbandes, die ein Praktikum machte. Ihr Pferd ist
ein sehr hübscher Friesenwallach, welcher von einem Bekannten
gezüchtet worden ist und eines seiner ersten Fohlen war.
Handbiketraining
in Nottwil in der Tiefgarage
In der Reha hatten wir im Sportprogramm das Handbikefahren drin.
Das machte mir soviel Spass, dass ich so ein Stricker
Handbike unbedingt auch zuhause haben wollte. Nach der
Bestellung musste dieses Gerät genau auf meinen Rollstuhl
angepasst werden. Ich fuhr gerne mit dem Handbike auf die rote
Sportbahn und zog meine Runden. Das geht ganz schön in die
Schultern!
Der Ergotherapeut,
welcher mir das Handbike nach einem Fahrkurs damals aushändigte
meinte: Ich seie nicht die erste, die in der Kurve
"ausleeren" würde (sprich umkippen). Natürlich ging
da wieder der Abenteuerdrang mit mir durch und ich habe damals
auf der roten Sportbahn schon probiert, wie viel es braucht, bis
die Fliehkraft einsetzte. Nach dem ersten kleinen Schrecken hab
ich es dann gelassen.
Als ich Frank 2007 kennengelernt hatte, waren wir ab und zu
zusammen mit dem "Velo" unterwegs (zu Deutsch Fahrrad)
und genossen schöne Touren entlang vom Bodensee. Obwohl ich zwei Akkutaschen an meinem
Handbike dran habe und mit Stufe 3 viel Schubhilfe bekomme, ist
es u.a. mit meiner steilen Quartierstrasse nicht möglich ohne
Sicherung von Frank diese steile Strecke zu überwinden. Doch
geht es nur schon ein klein wenig bergab, entwickelt das
Handbike schnell einen enormen Schwung und ich muss sehr
aufpassen, dass mir kein Fahrfehler passiert.
Nach meinen Rückenoperationen war es lange nicht mehr möglich mit
dem Handbike fahren. Ich musste viele Jahre aussetzen und hab
erst im März 2015 wieder anfangen können.
Mein Rücken macht grosse Probleme
Da es mit meinem Rücken immer schwerer wurde, durfte ich am
Freitag von zuhause aus arbeiten ab der ersten Rücken-Operation
2008. Mit der Zeit wurde es leider noch schwerer und schlussendlich
hab ich nur noch von zuhause aus arbeiten können. Mir wurde
auch nach und nach meine Selbständigkeit durch die Schmerzen und
instabilem Rücken genommen.
Immer mehr Hilfe benötigte ich von Frank und er musste sein
Arbeitspensum auch nach und nach verkürzen. Heute arbeitet Frank
nur noch 50% in der Nacht, damit er am Tage für mich da
sein kann. Um 12 Uhr zum Beispiel mich aufnehmen und 17 Uhr ins
Bett bringen.
Manchmal eine Stunde früher und wenn es ganz gut geht sogar
eine halbe Stunde später.
Rückenschmerzen
Ich hatte immer mehr Rückenschmerzen und so hab ich eines
der grössten Fehler meines Lebens gemacht, ich liess mich
am Rücken operieren. Das war im Mai 2008.
Diese Operation hat mir einen grossen Teil meiner Selbständigkeit
genommen. Der Arzt hatte uns leider falsche Versprechungen
gemacht und es ist später rausgekommen, dass er keine Erfahrung
mit Querschnittpatienten hatte. Er hatte sich für eine falsche
Operation entschieden. Meine Knochen waren auch viel zu weich
und der eingebaute Kimbacage ist in kurzer Zeit in die Wirbelkörper
L4 und L5 eingesunken. Der Arzt verordnete, ich könne nach 5 Wochen
ohne Probleme mit meinem Training anzufangen und schickte mich
sogar für drei Wochen in die Reha in die Rheinburgklinik in
Walzenhausen. Auch dort machte man sich keine Gedanken und man
liess mich trainieren, wie ich es in Nottwil in der Reha gemacht
hatte. Leider war der Rat des Arztes falsch! 4 Jahre später in Nottwil
hatte der Orthopäde gemeint, ich hätte ein halbes Jahr warten
müssen, bis der Rücken ganz eingeheilt seie. Immer wieder
waren wir beim Operateur und mussten ein Kontrollröntgenbild
machen lassen und jedes Mal meinte er, es sei noch nicht ganz
eingeheilt. Später hatte dieser Arzt uns gegenüber
unter 6 Augen zugegeben, dass er einen "Seich" gemacht
hat (in Schweizerdeutsch heisst das Fehler). Wir hatten immer
irgendwie die Hoffnung nicht aufgegeben, doch der Knochen wollte
und wollte nicht einheilen. Es knarrte immer mehr und auch den
Besuch eines bekannten Professors verlief 2009 enttäuschend. Er liess uns einfach stehen und putzte uns arrogant
runter (er war der Lehrer des Operateurs). Es interessierte ihn
nicht, dass ich nach und nach weniger Gefühl in Popo und in den
Beinen hatte. So waren wir verzweifelt, als wir die Hilfe von
einem weiteren Orthopäden in St. Gallen aufgenommen hatten. Da die damalige Ärztin
in dieser Abteilung an meinem Hals eine
extrem gute Arbeit geleistet hatte mit der Halswirbeloperation,
erhofften wir uns auch jetzt auch eine gute Lösung die gelingt. Im
Januar 2011 wurde diese unumgängliche Korrektur-Operation notwendig. Da ich in
der Zwischenzeit auch lange krankgeschrieben war, waren meine
Krankheitstage abgelaufen. Ich hatte es mir aber nicht nehmen
lassen und habe in dieser Zeit immer wieder stundenweise von
zuhause aus gearbeitet. Wir
haben noch vor der Rückenoperation eine Sitzung mit allen
beteiligten Leuten bei mir zuhause gemacht und haben uns
schweren Herzens entschieden die Berentung per Ende Januar 2011
durchzuführen. Im Geschäft wurde ich im Herbst 2010 im
ganz kleinen Kreis verabschiedet. Ich hätte auch die
Gelegenheit gehabt an unserem grossen IT-Fest mit allen
X-Hunderten von Mitarbeitern zu verabschieden. Doch ich wusste,
dass ich dann sehr weinen müsste und ich wollte mir diese
nervliche Aufreibung ersparen. Ich habe 28 Jahre in derselben
Firma gearbeitet. Es war für mich wie eine Familie, Mitarbeiter
wie auch die Vorgesetzten. Und am Fest
gab es Tränen.
Die Operation im Januar 2011 ist leider auch nicht so gelungen wie es
sollte. Um hier eine lange Geschichte abzukürzen, ihr könnt
alles in den Blogs der letzten Jahre nachlesen.
Die Verknöcherung hat erst im September 2014 bestätigt werden
können.
Mein Tagesablauf
Es ist leider nach wie vor so geblieben, dass ich im
Normalfall erst zwischen 11 und 12 Uhr aufsitzen kann. Ich versuche
die ungefähr 5 Stunden am Nachmittag möglichst gut zu erleben.
Einige Stunden vom Tag gehören dem Tagestraining.
Tagestraining bedeutet
- Beine: mind. 2x Physio (macht Frank), 2x Motomedfahren
- Arm, Schultern: Turnen, Ballonspielen, Hanteln, Tischhandbike
- Körper: Rollstuhlfahren, Stehtraining (leider heute wieder
nicht mehr möglich),
Tischtennis spielen,
Handbike fahren (neu), Swisstracfahren
- Geist: Karten spielen, Memory spielen
Natürlich greifen die Tagestrainingseinheiten ineinander und so
gut wie nie mache ich alles.
Den Rest meiner Lebenszeit versuche ich einfach zu geniessen wie
es ist. Ich habe ja einen lieben Partner bekommen, Frank Spahl,
mit dem ich schon seit über 9 Jahren glücklich zusammen bin. Er
begleitet mich auf all meinen Ärzteterminen, einkaufen,
Besuche, Ausflüge und wir sind sogar bis jetzt 16x
in die Ferien geflogen. Unter Ferien könnt ihr die
Fotostories nachlesen.
Unter Ausflüge
habe ich auch Galerien gemacht, was wir alles erlebt haben. Aber
dass wir sehr viel dokumentieren, machen wir noch gar nicht so lang.
Privatblog - wie ist es mir gesundheitlich die letzten Jahre
ergangen?
Was ich alles gesundheitlich erlebt habe, habe ich fleissig in
meinen privaten Blog aufgeschrieben und wer Zeit und Lust hat,
kann es ab April 2005
nachlesen.